3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Gauck: „Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch“

Nachricht22.04.2009Boris Eichler
Joachim Gauck
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor – Joachim Gauck sprach unter dem Titel „Zwischen Furcht und Neigung – die Deutschen und die Freiheit“ über den Wert der Freiheit 20 Jahre nach dem Mauerfall. Freiheit, eigentlich ein erfreuliches Thema, gerade in dem Jahr, in dem die freiheitliche Verfassung namens Grundgesetz und der Mauerfall runde Jubiläen feiern, aber: „Uns ist etwas dazwischengekommen: der Krise sei Dank; wir müssen uns nicht freuen“, konstatierte Gauck gleich zu Beginn seiner Rede, „wir dürfen tun, was uns am meisten liegt, uns fürchten, Schreckensszenarien ausmalen und das tun, was wir am liebsten tun: Trübsal blasen."

Den Status der Freiheit in diesem besonderen Jahr zu analysieren, wer sollte dafür besser geeignet sein als Joachim Gauck, Pfarrer, Mitbegründer des Neuen Forums, der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU), Vorsitzender des Vereins Gegen Vergessen – für Demokratie, und nach eigenen Worten „ein parteiloser Liebhaber der Freiheit“? Gaucks Analyse war detailreich, treffend und alles andere als die begeisterte Beschreibung eines freiheitsliebenden Volkes, doch gerade damit erreichte der gebürtige Rostocker sein Publikum, das ihm im bis auf den letzten Platz besetzen Allianz Stiftungsforums am Pariser Platz mit lang andauerndem Beifall dankte.

Der Vorsitzende des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Wolfgang Gerhardt, hatte zu Beginn des Abends allen Diskussionen über eine Änderung der Verfassung eine Absage erteilt: "Das Beste was wir heute haben ist unsere freiheitliche Verfassung. Sie wird mit Sicherheit nicht besser wenn wir sie neu formulieren. Sie hat alles niedergelegt, was ein freiheitliches Staatswesen und eine freiheitliche Gesellschaft ausmacht. Entscheidend ist in dieser Zeit nicht die Neufassung der Verfassung, sondern die Verfassung unserer Gesellschaft selbst in ihrem Willen zur Freiheit und ihrer Wachsamkeit gegenüber Gefährdungen der Freiheit." Genau diesen Willen und diese Wachsamkeit legte Joachim Gauck im Anschluss an den Tag.

„Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch“

Keine sich der Realität verweigernde Jubiläumsrede also – wie sie uns im Herbst wohl im Dutzend bevorstehen werden – aber auch kein frustrierter Abgesang eines Protagonisten der friedlichen Revolution, der genug Gründe hätte, angesichts der verbreiteten Ignoranz gegenüber der DDR-Geschichte oder der politischen Verwurzelung der damaligen Staatspartei im heutigen Deutschland seinem Ärger Luft zu verschaffen.

3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Dass in Deutschland die Liebe zur Freiheit nicht sehr tief verwurzelt ist, hat erst kürzlich der von der Stiftung für die Freiheit erhobene Deutsche Wertemonitor nachgewiesen, allzu deutsch sei das aber nicht, so Gauck: „Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch, es ist menschlich, eine anthropologische Konstante“, erklärte Gauck und betonte, dies gelte prinzipiell für Ost und West.

Dennoch habe der Westen nun einmal wesentlich länger ein zivilgesellschaftliches Leben, wirkliche Beteiligung einüben und ausüben, darin Erfahrungen sammeln können. Dazu gehöre auch die schmerzhafte Erfahrung der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, etwas, das nicht leicht von der Hand ging und dem oft „selektives Erinnern der Wirklichkeit“ vorausging und das Ersetzen von Wirklichkeit durch einen Mythos. „Wir wissen das alles, weil wir das in der Nachkriegszeit sehr deutlich gesehen haben. Wir wissen, wann zum ersten Mal eine Straße nach Widerstandskämpfern im Dritten Reich benannt worden ist, wann eine Schule, wann eine Kaserne, wie langsam das alles ging, was doch alles so schnell hätte kommen müssen.“

Auf Knopfdruck Citoyen werden?

Dieser Prozess der Aufarbeitung, im Westen teilweise angeschoben durch Werke wie Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“, habe sich am Ende gelohnt. „Wie wunderbar, dass unsere Nation nicht trotzig auf ihrem Recht beharrte, dass sie Willens, fähig und imstande war, Unrecht als Unrecht zu benennen. Sie läuft nicht mehr vor sich weg, diese Nation.“

Nach dem Ende der SED-Diktatur habe es durchaus Ansätze gegeben, diesen erneut notwendigen Aufarbeitungsprozess zu beschleunigen. „1990 haben wir gleich damit begonnen. Akten auf, Augen auf, ran.“ Die Politik habe die Weichen gestellt, dafür Geld ausgegeben. „All das ist geschehen. Aber nach wie vor warten wir auf den letzten Schritt, auf dieses Element einer Katharsis, in der Schuld angenommen wird. Es sind ganz besondere Menschen, die dazu fähig sind. Wie Herr Schabowski aus Berlin, der Einzige aus dieser Führungsclique, der imstande war, Schuld Schuld zu nennen, Reue und Umkehr an den Tag zu legen“, so Gauck. Dennoch: In weiten Kreisen sei dieser Prozess nicht vollendet. Es sei fast so, „als warteten wir auf neue Mitscherlichs, die speziell für die Ossis ein neues Buch über die Unfähigkeit zu trauern schreiben.“

Sicherlich gelte: „Nie haben die DDR-Bürger so traulich auf ihr Land geguckt, wie die Altersgenossen von jetzt, das ist wirklich grotesk.“ Aber, so setzte Gauck nach: „Wer das über zwei Generationen im Kopf und in der Seele hat und nicht nur zwölf Jahre, der soll mir mal vormachen, wie er auf Knopfdruck ein Citoyen wird. Das möchte ich mal sehen. Und das möchte ich auch von einigen der westdeutschen Beurteilern dieser Szenerie sehen.“

Gauck zeigte auf, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen ist. „Es ist so, als ob wir in diesem Lande zwei politische Kulturen haben, in einem ist die Zivilgesellschaft seit 60, im anderen seit 20 Jahren zu Hause. Und Aufarbeitung wie ich sie beschrieben habe ist nun einmal ein Produkt der Zivilgesellschaft. Übergangsgesellschaften sind selten dazu in der Lage.“

Politisch instrumentalisierte Nostalgie

Dabei müsse man sich aber mit zwei verschiedenen Formen der Nostalgie auseinandersetzen: „Die politisch instrumentalisierte etwa – wir haben eine Partei, die das besonders tut. In dieser Partei Die Linke gibt es neben linken Demokraten linke Reaktionäre, die es besonders haben mit der Verschleierung und Bagatellisierung und Verniedlichung der Diktatur.“ Die andere Art von Nostalgie sei viel zählebiger, vor allem ganz unpolitisch – allerdings nicht ohne politische Auswirkungen: „Es ist jene Art von Erinnerung, die eben alles Unangenehme auslässt. Wir alle praktizieren Nostalgie, dort wo es um unser eigenes Leben geht. Das selektive Erinnern gehört zu unserer Ausstattung.“ Gefährlich werde es, wenn dies politisch instrumentalisiert werde.

Die Fragilität des Freiheitsbewusstseins der Deutschen, so Gauck, zeige sich gerade in der derzeitigen Finanzmarktkrise. Man erlebe derzeit „eine vor 20 Jahren nicht vorstellbare antikapitalistische Welle.“ Bei allem Verständnis über die Sorgen, Nöte und Ängste der Menschen sei es doch merkwürdig, wenn nun „gleich die Systemfrage“ gestellt werde, ohne „je eine Systemalternative gesehen zu haben. Und dann stehen da die Ideologen bereit.“ Allerdings werde man bei diesen politischen Ideologen nur Frustbeschleunigung finden und keine Lösungsansätze. Wer einen Systemwechsel propagiere, der solle doch eigentlich Alternativen an der Hand haben und nicht „nur vage Vorstellungen.“

Dumpfer Antikapitalismus der Angstsrategen

Gauck griff die derzeit gängigen Angststrategien und –strategen an, die ein Gefühl der Ohnmacht verbreiten und von „dunklen Wirtschaftsmächten die über allem herrschen“ reden. „Es mag ja Missbräuche geben, und die gibt es ganz offensichtlich in der Geldwirtschaft, aber in ein solches mittelalterliches Schicksalsdenken zu verfallen, das sich bedroht sieht von apokalyptischen Gewalten, das ist doch nun wirklich Entmächtigung in einem außerordentlich hohem Maße. Es ist das Zurückfallen des handelnden Bürgers in eine Schreckensstarre, die nur denen nützt, die nicht mit der Mitarbeit der vielen rechnen. Das wollen wir nicht“, erklärte Gauck unter großem Beifall.

Der Redner zur Freiheit gab sodann ein klares Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft ab: „Wer die Freiheit liebt, wird sich dahin bequemen müssen, Freiheit auch in den Wirtschaftsprozessen zu wollen. Aber wenn ich in einem dumpfen Antikapitalismus verweile, schwöre ich auf die Rezepte von vorgestern, die schon gestern nicht gewirkt haben. Und warum sollten sie das eigentlich morgen tun?“

Grenzen der Sozialpolitik

Auch Sozialpolitik habe in diesem Kontext ihre Grenzen, sagte Gauck. Wer politisches Handeln in einer freiheitlichen Gesellschaft in überwiegend sozialpolitisches Handeln umwandle, gefährde die freiheitlichen Grundlagen. Sozialpolitik gehöre zu unserer Lebenswelt, da nie alle stark genug seien, sich selbst zu helfen. „Aber wer immer nur fördern will und gefördert werden will, entmächtigt aus Versehen auch Menschen, denen zuzumuten ist, eigene Verantwortung zu übernehmen.“ Freiheitliche Politik habe aber Menschen zu ermächtigen, für sich selbst und die Gemeinschaft einzutreten.

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls und der friedlichen Revolutionen in Osteuropa, erinnerte Gauck zum Schluss seiner Rede daran: Überall auf der Welt suchten die Unterdrückten die Länder der Freiheit und das System der Demokratie. Viele davon seien zwar von der Furcht vor der Freiheit eingeholt worden – „sie fremdeln in der offenen Gesellschaft.“ Fremdheit sei aber kein Gesetz für alle Zeiten. Wer sich einlasse und einmische werde vertrauter mit der offenen Gesellschaft. „Mancher empfindet dann als Gewinn, was er einst fürchtete.“ Freiheit habe ihm zwar kein Paradies geschaffen. Aber eine Bürgerexistenz, die Demokratie und die Herrschaft des Rechts „und die Gewissheit, Teil dieser bislang noch nie überbotenen Wirklichkeit zu sein.“

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