11.05.2011 - Liberale Stichtage: 90. Geburtstag von Hildegard Hamm-Brücher

10.05.2011

Da Individualismus einen großen Stellenwert für den Liberalismus hat, sind seine Anhänger und Parteigänger häufig auch große Individualisten. So gibt es unter liberalen Politikern viele Beispiele für Eigenwilligkeit und Eigensinn, Parteistrategen sprechen dann gern auch von „unbequemen Geistern“.

Ein herausragendes Exempel für eine „unbequeme Liberale“ stellt sicherlich die langjährige Parlamentarierin Hildegard Hamm-Brücher dar. Ihr alles andere als gewöhnlicher Lebenslauf weist dafür eine Vielzahl an Beispielen auf:

Die 1921 geborene Essener Fabrikatentochter verlor früh ihre Eltern und wurde dann nach 1933 wegen jüdischer Vorfahren erheblich benachteiligt. Als Chemiestudentin machte sie in München die Bekanntschaft der Geschwister Scholl.

Theodor Heuss gewann die Journalistin Ende der 1940er Jahre für die FDP, in der sie eine steile, aber durchaus kurvenreiche Karriere machte: Stadtverordnete und Landtagsabgeordnete in München, Staatssekretärin im SPD-geführten Kultusministerium, dann ab 1969 im Bundesbildungsministerium.

Dass diese Karriere auf Kompetenz und Popularität beruhte, zeigte sich bei Landtagswahlen, wo sie mehrfach sich als erfolgreiches Zugpferd der bayerischen Liberalen erwies. Ab Mitte der 1970er Jahre war sie Bundestagsabgeordnete, stellvertretende FDP-Vorsitzende und Staatsministerin im Auswärtigen Amt.

Weil sie aber vor allem die Form des Koalitionswechsels von 1982 u. a. mit einer Aufsehen erregenden Bundestagsrede ablehnte, stand Hildegard Hamm-Brücher seitdem dem Kurs der FDP-Führung häufig skeptisch gegenüber.

Dennoch stellte die Partei sie, die sich seit Ausscheiden aus der Exekutive vor allem der Parlamentsreform und der Förderung des ehrenamtlichen Engagements, u. a. mit der von ihr gegründeten Theodor-Heuss-Stiftung, widmete, 1994 als FDP-Kandidatin für die Bundespräsidentenwahl auf, bei der sie im ersten und zweiten Wahlgang ein sehr beachtliches Ergebnis erzielte.

In der Folge wuchsen allerdings die Differenzen zwischen dem FDP-Kurs und der langjährigen Kuratorin der Friedrich-Naumann-Stiftung, was schließlich in ihrem Parteiaustritt im Jahr 2002 mündete. Auch danach hat sie sich aber weiterhin als Mahnerin eines „unbequemen“ Liberalismus verstanden.

Hildegard Hamm-Brücher bei fembio.org sowie bei Politik für die Freiheit
von Bangemann und Mischnick zum 70. Geburtstag
Hamm-Brüchers (Handschrift, 1963)

Liberale Stichtage - mit dieser Serie erinnert das in unregelmäßigen Abständen an Ereignisse und Personen aus der Geschichte des deutschen Liberalismus. Alle bisherigen ‚Stichtage’ finden Sie . Möchten Sie nach Ereignissen zu einem bestimmten Datum suchen? Auf der finden Sie dazu rechts oben einen Kalender.