10.06. - Liberale Stichtage: Wolfgang Gerhardt wird FDP-Bundesvorsitzender

04.06.2010

Auch für die Führung von Parteien gibt es je nach Situation recht unterschiedliche Anforderungen an den jeweiligen Spitzenmann oder die Spitzenfrau: Mitte der 1990er-Jahre war der deutsche Liberalismus in einer Lage, in der vom Vorsitzenden zugleich Bodenständigkeit und Erfahrung im Krisenmanagement gefragt waren.

Im Zuge der deutschen Einheit hatte die FDP bei Wählern und Mitgliedern zunächst einen regelrechten Boom erlebt, doch die Probleme beim Zusammenwachsen der beiden Teile der wiedervereinigten Nation holten sie danach sowohl innerparteilich als auch als Teil der Bundesregierung ein.

Als der erst seit 1993 amtierende Vorsitzende, Bundesaußenminister Klaus Kinkel, im Frühjahr 1995 seinen Rücktritt erklärte, meldeten sich zwei sehr unterschiedliche Kandidaten für seine Nachfolge: der ehemalige Bundesminister und Vizekanzler Jürgen Möllemann und der hessische FDP-Vorsitzende Wolfgang Gerhardt.

Letzterer stand für einen unspektakuläreren, „bildungsbürgerlicheren“ Politikstil als sein Konkurrent und hatte sich in seiner hessischen Heimat den Ruf eines erfolgreichen Krisemanagers erworben. Denn den bei der Landtagswahl 1982 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheiterten Landesverband hatte Gerhardt als neuer Landesvorsitzender bald wieder in den Landtag zurück- und 1987 sogar in die Landesregierung geführt, in der er selbst das Amt des Ministers für Wissenschaft und Kunst übernahm. Die Delegierten trauten auf dem 46. Bundesparteitag in Mainz am 10. Juni 1995 ihm eher als dem als umtriebig geltenden Möllemann die Konsolidierung der Partei zu und wählten Wolfgang Gerhardt mit klarer Mehrheit - er erhielt 371 Stimmen, Möllemann 219, auf einen jungliberalen Spontankandidaten entfielen 36 - zum (11.) FDP-Vorsitzenden.

Sie wurden nicht enttäuscht: Unter seiner bis 2001 währenden Führung wurden programmatisch und strategisch wichtige Weichen gestellt, schließlich ein Generationswechsel vollzogen und damit entscheidende Grundlagen für den glanzvollen Wiederaufstieg der Liberalen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhundert gelegt.

Wolfgang Gerhardt bei Politik für die Freiheit
Wolfgang Gerhardt MdB

Liberale Stichtage - mit dieser Serie erinnert das in unregelmäßigen Abständen an Ereignisse und Personen aus der Geschichte des deutschen Liberalismus. Alle bisherigen ‚Stichtage’ finden Sie .