Politische Kultur

Walter Scheel spricht als Bundespräsident über den 8. Mai 1945

Das Liberale Archiv bespricht die Rede von Walter Scheel zum "Tag der Befreiung"

Analyse06.05.2015
Walter Scheel
Walter Scheel 1979 – 1990

Allgemein gilt Richard von Weizsäcker mit seiner Rede im Jahre 1985 als der Spitzenpolitiker, der dem 8. Mai als „Tag der Befreiung“ in der deutschen Geschichte einen neuen Sinn gegeben hat. Allerdings hatte bereits 10 Jahre zuvor ein anderer Bundespräsident erstmals eine große Rede in Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und Europa gehalten.

Am 6. Mai 1975 versuchte Walter Scheel in der Bonner Schlosskirche die gesamte Dimension dieses Jahrestages aufzuzeigen und dabei die unterschiedlichen Generationenerfahrungen miteinander zu versöhnen. So sprach er einleitend vor allem die ältere Generation an, die den Tag bewusst miterlebt hatte und nach wie vor als „widersprüchliches“ Datum empfand, womit Scheel indirekt an das berühmte Diktum seines liberalen Vorgängers Theodor Heuss anknüpfte. Der hatte noch im Parlamentarischen Rat zum 8. Mai festgestellt: Dieser Tag sei „die tragischste und fragwürdigste Paradoxie der Geschichte für jeden von uns (gewesen). Warum denn? Weil wir erlöst und vernichtet in einem gewesen sind.“ (vgl. Liberaler Stichtag )

Scheel aber wollte diese „Paradoxie“ überwinden und wies auf die Chancen hin, die das Kriegsende trotz allem für die Deutschen geboten hätte und welche von diesen genutzt worden seien. Zugleich warnte er gerade mit Blick auf die Jüngeren – es war die Hochzeit des RAF-Terrorismus - davor, sich auf diesen Lorbeeren auszuruhen; vielmehr müsse man an der gelernten Lektion, „an Freiheit und Recht und Gewaltlosigkeit“ festhalten. Die politische Kultur und Ordnung der Bundesrepublik könnten zwar kritisiert werden, dürften aber gerade im Rückblick auf die jüngere Vergangenheit in ihrem Kern nicht verändert werden.

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Artikel von Hermann Rudolph im Tagesspiegel