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surF - Liberales im Netz Nr. 61 | 17. Februar 2010

Angesichts der Renaissance spätrömischer Dekadenz dieser Tage bietet sich ein Ausflug in die Geschichte an. Man kann sagen was man will: Guido Westerwelle hat dafür gesorgt, dass die Republik über Domitian, Hadrian und Caracalla diskutiert. Das ist praktische Bildungspolitik.

 

Dumm nur, dass sich die meisten Kommentatoren nicht mit dem beschäftigen, was Außensenator Westerwelle in einem Gastbeitrag für die "Welt" geschrieben hat. So wirft ihm die FAZ vor, ungebildet zu sein. "Ungebildet deshalb, weil er den eigentlichen Sinn des Wortes Dekadenz kennt, das er missbräuchlich verwendet." Die römische Reichskrise ab dem 3. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung habe ihre Ursachen nämlich "nicht in einem ausschweifenden Luxusdasein der Römer gehabt." Wohl wahr. Nur: Westerwelle schreibt nichts von einem ausschweifenden Luxusdasein der Hartz-IV-Bezieher.

 

Westerwelle schreibt: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein." Sein Vorwurf richtet sich also gegen eine ganz bestimmte Sorte von Sozialpolitikern, die mit ihren Versprechungen eine Epoche spätrömischer Dekadenz hervorrufen könnten.

 

Schon in der letzten Woche wies surF auf die Weisheit hin: "Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!" Dies gilt – wie man sieht – weiterhin. Des Lesens Kundige wie Carlos Gebauer können deshalb weitaus sustantiiertere Anmerkungen zum Thema machen:


"Wie wenig verfehlt der Hinweis Westerwelles auf das 'späte Rom' ist, wissen wir aus dem Geschichtsunterricht nur zu genau. Nachdem die wirtschaftsliberale Phase des frühen Prinzipats dem ersten nachchristlichen Jahrhundert Rom einen ungekannten Aufschwung aus privatwirtschaftlicher Initiative verschafft hatte, holten die Provinzen Roms auf und drückten auf die innovationsmüde gewordenen Kerngebiete Italiens. Kaiserliche 'Wirtschaftspolitik' begann. Domitian verbot den weiteren Anbau von Wein in den Provinzen und verfügte Erntevernichtungen, Hadrian seinerseits versuchte sich an Förderpolitik für Olivenöl in Afrika. Das ganze mündete, wen kann es wundern, in Chaos und Niedergang. Caracalla suchte anschließend Rettung in der Inflationierung von Münzen, bis Diokletian sich in minutiöse Preisregulierungen verstieg, ihre Einhaltung mit der Todesstrafe bewehrte und sie dennoch aus purer Notwendigkeit umgangen sah."

 

Dabei sind Westerwelles Äußerungen inhaltlich nicht neu. Voilà: "Weniger arbeiten, besser leben, mehr verdienen, schneller zu Reichtum gelangen, über Steuern klagen, aber dem Staat höhere Leistungen abzuverlangen – das alles kennzeichnet zusammen eine geistige Verirrung und Verwirrung, die kaum noch zu überbieten ist und die, auf die Spitze getrieben, die Grundfesten unserer gesellschaftlichen Ordnung zu zerstören geeignet wäre." Urheber? Ludwig Erhard. Den würden die Grünen heute wohl auch als "Rechtspopulist" durch die Dorfstraßen treiben oder skurrile Persönlichkeiten wie Unionspolitiker mit Attac-Mitgliedschaft als Esel bezeichnen.

 

Warum auch nicht? Das Spiel heißt "Hau den Guido" und da geht es nicht um Diskussionen zum Thema Hartz IV oder Sozialstaat, da kommt es auch nicht mehr darauf an, ob sich die Kanzlerin von Westerwelle distanziert oder nur von seinem Duktus, sondern es geht einzig und allein um Guido Westerwelle. Das allerdings hat der eine oder andere schon erkannt…

letzte Änderung: 15.02.2010

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