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Zeitungsleser: „Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege“

Thema der 8. Medienakademie für Nachwuchsjournalisten: „Abschied vom Gedruckten“

Auslaufmodell Zeitung?
Auslaufmodell Zeitung?
„Wir haben eine eigene Event-Kultur im Internet wie social communities und Video-Portale. Wer braucht da noch Journalismus?“ Genau diese Frage, die Prof. Stephan Weichert vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik Berlin stellte, wollten die Nachwuchsjournalisten auf der Medienakademie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit beantwortet haben. Die Medienwissenschaftler Stephan Weichert und Leif Kramp gaben der Zeitung klassischen Stils allerdings wenig Überlebenschancen. Das Erlebnis des raschelnden bedruckten Papiers reduzierten die Forscher auf „einen physischen Datenträger“ und prognostizierten die Einstellung von weiteren Print-Titeln zugunsten von Online-Ausgaben, wie das jetzt schon in den USA zu beobachten sei.

Nach einer von Weichert und Kramp durchgeführten Studie mit überwiegend US-amerikanischen Medienexperten sei die Vertriebsform der klassischen Zeitung überholt, das Internet sei aber nicht nur eine andere Vertriebsform, sondern verändere auch die publizistische Wirkung. Elektronische Verteilformen seien nicht nur deutlich günstiger für die Verlage, sondern auch umwelt- und benutzerfreundlicher. Die Zukunft gehöre mobilen Endgeräten, auf die die Zeitung automatisch geladen werde und diese Lieferung bezahle der Leser wie ein herkömmliches Abo. Das Grundproblem der heutigen Zeitungsverlage bliebe allerdings die Finanzierung. Die Verkaufs- und Abozahlen gingen deutlich zurück und für den Vertrieb journalistischer Texte über das Internet mangele es letztendlich an verlässlichen Erlösmodellen, so Weichert. „Guter Journalismus ist aber nun mal teuer.“

Zeitungen: Defizitär, auch wenn noch Geld verdient wird

Stephan Weichert
Stephan Weichert
Die Branche gelte insgesamt als defizitär, auch wenn noch Geld verdient werde. In den Verlagshäusern, die vor allem in den USA von Finanzinvestoren dominiert würden, gebe es kein langfristiges Investitionsdenken. Nur multimediale Großunternehmen mit vielfältigen Geschäftsbereichen profitierten von der Krise am Zeitungsmarkt. Heute erfolgreiche Zeitungsverlage wie die der Washington Post und der Süddeutschen Zeitung bezeichneten Weichert und Kramp als „innovative Qualitätszeitungen“, die breit aufgestellt seien, nicht nur im journalistischen Bereich.

Bekanntestes Beispiel seien die Buchreihen der Süddeutschen Zeitung. „Gerade die haben Schwein gehabt“, kommentierte Stephan Weichert die Kehrtwende des Verlags nach der Krise vor ein paar Jahren. Eine wirtschaftliche Bedrohung für Zeitungsverlage seien führende Internet-Unternehmen, die sie übernehmen könnten und „die kein Interesse haben, journalistische Integrität zu schützen“, so Weichert. „Journalismus ist in der Perspektive großer Konzerne nur noch ein Produkt unter vielen. Dass Journalismus auf diese Weise Marktbedingungen unterworfen ist, ist eine schlechte Entwicklung für den Journalismus als solchen.“

Die Leser seien insofern Teil der schwierigen Finanzsituation, ihre Erwartungshaltung verlange mittlerweile Nachrichten durch das Internet rund um die Uhr – noch dazu kostenlos. „Das kann die gedruckte Zeitung nicht leisten“, resümierte Weichert. Nicht-journalistische Quellen wie Wikipedia seien „eine große Konkurrenz für uns Journalisten“, so die Medienwissenschaftler. Dazu komme das veränderte Nutzungsverhalten, insbesondere die „Zapping-Mentalität“ von Jugendlichen: „Deren Aufmerksamkeitsspanne nähert sich der von Stubenfliegen.“ Auch die Betätigung in Social Communities verbrauche viele Zeit, „Zeit, die für das Lesen von journalistischen Texten nicht mehr zur Verfügung steht“.

Innovationsrückstand in den Redaktionen

Neben den vielen desillusionierenden Untersuchungsergebnissen hatten die Medienwissenschaftler auch einige Tipps für die Nachwuchsjournalisten: In den Redaktionen habe es nämlich einen regelrechten „Innovationsrückstand“ gegeben, da sei ein Umdenken erforderlich, damit neue Darstellungsformen auch eingesetzt werden könnten. Jahrelang hätten Zeitungsredakteure nur versucht, ihre Pfründe zu sichern. Mit interaktiven Instrumenten sollten Leser stärker eingebunden werden. Die Medienwissenschaftler prophezeiten aber dadurch auch großes Konfliktpotential in den Redaktionen. Direkter staatlicher Förderung für Zeitungsverlage, wie sie von einigen Experten in den USA – aber auch im deutschsprachigen Raum - gefordert würden, erteilten die Medienwissenschaftler eine Absage. Allerdings seien Finanzierungsmodelle unter stärkerer Einbeziehung von Lesern denkbar. „Aber da gibt es in Deutschland keine Kultur“, schloss Weichert.
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letzte Änderung: 05.11.2008

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