Zeitungsleser: „Aufmerksamkeitsspanne einer Stubenfliege“
Thema der 8. Medienakademie für Nachwuchsjournalisten: „Abschied vom Gedruckten“

Dirk Nolde Zahlreiche Beispiele für die konkreten Veränderungen in einer Redaktion zugunsten von „Online first“ gab Dirk Nolde, der Redaktionsleiter online der Berliner Morgenpost. Anders als bei der gedruckten Zeitung mit festem Redaktionsschluss müssten sich die Journalisten daran gewöhnen, dass Nachrichten dann veröffentlicht werden, wenn sie akut seien. „Bei online ist praktisch ständig Redaktionsschluss“, erklärte Nolde. Sein Rezept, um den Umdenkprozess in der Redaktion voran zu bringen, sei schlicht „Reden“: „Ich bin der Ansicht, Reden wird unterschätzt, insbesondere in Redaktionen.“ Unterstützt werde das Konzept durch den Newsroom, durch den der Austausch von Informationen verbessert worden sei. Das Online-Angebot der Morgenpost sei ein klassisches „Büro-Medium“, das vor allem tagsüber genutzt werde. Das Alleinstellungsmerkmal sei der starke regionale Bezug.
“Unsere Stärke liegt halt im Lokalen“
„Im internationalen Internet-Wettbewerb kann man mit großen Themen keinen Blumentopf gewinnen“, erklärte Nolde, der sein Konzept „Local-Hero-Ansatz“ nennt. „Wir sind nicht zu blöd für ein Nachrichtenprogramm, unsere Stärke liegt halt im Lokalen.“ Pressemitteilungen an Agenturen über Exklusivgeschichten würden immer mit dem Rubrum „Morgenpost online“ verschickt, weil dort die Geschichten zuerst erscheinen. Seit dem Relaunch der Seite im Juni setzten die Journalisten mehr Videos als Darstellungsform ein. „Die Journalisten vor Ort filmen das mit einem Handy und der Film wird automatisch auf unseren Server übertragen. Innerhalb von fünf Minuten kann so ein Film online sein“, erklärte Nolde. Die Filme seien allerdings „sehr youtube-mäßig, die Bildqualität zweifelhaft und auch oft verwackelt“. „Uns geht die Authentizität vor fernsehartigen Beiträgen, es geht um den dokumentarischen Charakter“, sagte der Redaktionsleiter, der „die Print-Kollegen ans Filmen rankriegen will“. Bei den Filmen ginge es ums „Draufhalten“. Neben der Zusammenarbeit mit den Print-Kollegen sei auch die crossmediale Verknüpfung wichtig, die bei Hinweisen in der Zeitung anfange und bis zu gemeinsamen Projekten der Redaktionsteile gehe.
Um das Nebeneinander von Blogs und Leitartikeln ging es beim Kamingespräch, das erfolgreiche Blogger und Kritiker der Szene zusammenbrachte. „Die Leser wollen Orientierung, sie wollen Meinungen und Positionen“, erklärte Henning Krumrey, Leiter der Parlamentsredaktion des Focus, dessen Blog vor einiger Zeit in eine Kolumne umgewandelt worden war. Viel beschäftigen alle Blogger und Kolumnisten der Runde die Kommentare zu ihren Beiträgen. „Das geht von unsachlichen Kommentaren, über regelrechte Beschimpfungen bis hin zur ernsthaften inhaltlichen Auseinandersetzung“, resümierte Spiegel-Autor Reinhard Mohr. Von Kommentaren mit juristischen Folgen berichtete der Medienjournalist und Bildblog-Mitbegründer Stefan Niggemeier.
„Es ist gut, dass den Medien auf die Finger geschaut wird“

Moderator Michael Roick (Leiter Regionalprogramm) „Grundsätzlich bin ich ja immer für mehr Partizipation, aber es ist manchmal schwierig, damit angemessen umzugehen“, erklärte Krumrey. Einen Macht- und Einflussverlust durch die Blogs befürchteten die Journalisten der Runde nicht. „Ganz im Gegenteil, ich merke durch Kommentare oder andere Blogs, dass ich vielleicht unklar formuliert habe. Es ist gut, dass den Medien auf die Finger geschaut wird“, freute sich der Watchblogger Stefan Niggemeier. Der durch kritische Beiträge zum Thema Blogs bekannt gewordene Medienredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagsteitung, Harald Staun, sah die Zukunft der Blogs insgesamt „mehr optimistisch als pessimistisch“. Vom Bloggen leben kann in Deutschland fast kein Autor, nur das Bildblog ist durch die Finanzierung mit Werbung halbwegs profitabel zu betreiben.
In Zukunft, vermutete Niggemeier, wird es vermutlich mehr Blogs geben, die ein bekannter Autor zur Marke macht. „Außerdem finde ich immer Blogs zu Spezialthemen spannend, wo Leute schreiben, die von Themen schreiben, von denen sie was verstehen, und die nicht Journalisten sind.“ Der Spiegel-Autor Reinhard Mohr wird allerdings auch weiterhin nicht bloggen, „dazu habe ich keine Zeit.“
Maria Christina Nimmerfroh
Mehr zur liberalen Blogosphäre
Unsere "Medienpolitischen Diskurse" richten sich an junge Redakteure, freie Mitarbeiter in Redaktionen und alle Studierende mit dem Berufsziel Journalismus/Publizistik, die sich mit zentralen Fragen ihrer Profession auseinander setzen wollen. Die Reihe umfasst Veranstaltungen in ganz Deutschland. Höhepunkt des Jahres ist eine Medienakademie.





