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4. Berliner Rede zur Freiheit mit Prof. Paul Nolte

Rede zur Freiheit im Allianz Stiftungsforum am Pariser Platz
Rede zur Freiheit im Allianz Stiftungsforum am Pariser Platz
Er selbst bezeichnet sich als neokonservativ mit Sympathie für schwarz-grüne Bündnisse – das versprach neue Sichtweisen zum Thema "Freiheit". Professor Paul Nolte, laut Deutscher Welle "shooting star" unter den Historikern, hielt am Pariser Platz vor knapp 500 Zuhörern die 4. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor.

Und gleich zu Beginn lud Nolte das Publikum ein, mit ihm gemeinsam über "ein neues Verständnis von Freiheit" nachzudenken, ein Freiheitsverständnis, das "unpathetisch und nah an den Erfahrungen" sein solle, "ohne die übertriebene Fixierung auf den Staat und doch nicht unpolitisch."

Prof. Paul Nolte
Prof. Paul Nolte
Eine Freiheitsdebatte ohne die übertriebene Fixierung auf den Staat? Ein Gedanke, der gerade Liberale aufhorchen lässt. Immerhin wird Freiheit von den verschiedenen politischen Strömungen sehr unterschiedlich verstanden. "Während die einen an Freiheit und Eigenverantwortung der Bürger appellieren und das mit einer Kritik an einem sich ausdehnenden, vermeintlich allzuständigen Staat verbinden", führte Nolte aus, "verteidigen die anderen den Staat als den Garanten einer Freiheit, die auf bürgerliche Gleichheit, auf soziale Gerechtigkeit und soziale Chancen hin gedacht wird – und der deshalb keinesfalls in die Schranken gewiesen, sondern im Gegenteil gestärkt werden müsse."

Walter und Barbara Scheel kurz vor der Veranstaltung
Walter und Barbara Scheel kurz vor der Veranstaltung
"Ich darf vermuten, dass heute Abend die meisten von Ihnen eher mit der ersten als mit der zweiten Position sympathisieren", mutmaßte der Redner zu Recht angesichts des bis auf den letzten Platz besetzten Atriums des Allianz Stiftungsforums am Pariser Platz, denn im Publikum war viel liberale Prominenz versammelt, allen voran Altbundespräsident Walter Scheel.

Freiheit als historische Erinnerungsgeste

Nolte nutzte die Gelegenheit und warnte ganz allgemein: "Wir beißen uns in unserer politischen Rhetorik an dieser Stelle fest, ohne dass wir dabei erkennbar neues Land gewinnen." Den versammelten Liberalen schrieb er ins Stammbuch, gerade sie müssten "sehr achtgeben mit ihrem Credo, der Staat drohe unsere Freiheit, offen oder unmerklich, aufzufressen; er drohe den Bürger zu erdrücken und zu ersticken. Denn da draußen sind 'falsche Freunde', da kursiert eine populistische Variante der Staatskritik, die keineswegs in Liberalismus mündet, sondern in fundamentale Institutionenkritik – und letztlich in Demokratieverachtung." Nolte appellierte an sein Publikum, diesen Feinden der Freiheit, "die unbehelligt ihr Gift ausstreuen", endlich entschlossen entgegenzutreten – und erntete dafür den kräftigsten Zwischenapplaus des Abends.

Wirtschaftsminister Brüderle, Heiner Bremer, Burkhard Hirsch
Wirtschaftsminister Brüderle, Heiner Bremer, Burkhard Hirsch
Die Befürchtung, der öffentliche Diskurs über Freiheit drohe "immer mehr zu einer historischen Erinnerungsgeste zu erstarren", wirkte besonders eindringlich – gerade weil sie aus dem Munde eines Historikers kam. Die "Gesten der Erinnerung an die Zeiten der radikalen Unfreiheit, der Diktatur, deren Abstand mit jedem Jahr weiter wächst", wirkten erschöpft. Diese "große Freiheit", dieser Freiheitsbegriff, der sich vor allem aus der Geschichte der Freiheit speist, sei für einen immer kleineren Teil der Bevölkerung unmittelbar, lebensgeschichtlich, noch unmittelbar nachvollziehbar. Die Freiheitsdebatte drohe auch deshalb in eine Sackgasse zu geraten, weil "die Sprache der Politik sich von dem Freiheitsverständnis einer breiten Bevölkerung offenbar entfernt hat und weiter zunehmend entfernt."

"Meine Güte, ist das schwülstig!"


Ernst Reuter
Ernst Reuter
Das Pathos der großen Freiheit, wie es die heroische Phase des 19. und 20. Jahrhunderts begleitete – von wem kann es heute noch geteilt werden? Die Liberalen und Demokraten des Vormärz, Ernst Reuters Appell am 9. September 1948 vor dem Reichstagsgebäude ("Ihr Völker der Welt…“) – solche Texte heute mit Geschichtsstudenten zu diskutieren, da stelle sich "ganz überwiegend Befremden ein: meine Güte, ist das schwülstig!"

Deshalb liege die Herausforderung gerade darin, "Freiheit unter den Bedingungen der Freiheit zu gestalten." Und da sei der pathetische Bezug auf die „große Freiheit“, wie "wir zugeben und lernen müssen", nicht immer hilfreich.
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letzte Änderung: 08.06.2010


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