Zur Diskussion über Gutscheine
von Wolfgang Gerhardt MdB, Vorsitzender des Vorstandes der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Kindergarten*
Die Diskussion um Gutscheine ist der Ausdruck einer tiefen Verunsicherung über die Fähigkeit vieler Familien, ihre Kinder ordentlich zu erziehen, sie zur Schule zu schicken, ihnen ein Frühstück zu bereiten und ein Mindestmaß an Zivilisiertheit zu vermitteln. Sie unterliegt allerdings auch der Gefahr, besserwisserisch daher zu kommen. Es gibt eben auch Familien, die mit Kindergeld etwas Produktives für ihre Kinder unternehmen und es gibt mit Sicherheit Familien, die mit dem Betreuungsgeld genau auf das abzielen, was auch Sinn einer Familie ausmacht: Sich um die Kinder dann wirklich zu kümmern. Ich kenne jedenfalls Familien, die sich um ihre Kinder kümmern und bei denen die Partner dafür beruflichen Verzicht leisten und ich kenne Familien, die engagiert beruflich tätig sind und die Angebote nutzen, die es für Kinderbetreuung gibt. Beiden ist kein Vorwurf zu machen und beide müssen in ihrer jeweiligen Lebens- und Familienauffassung respektiert werden.

Wolfgang Gerhardt
Die Koalition aus CDU/CSU und FDP muss beiden Lebensentscheidungen gerecht werden. Dass das nicht einfach war, musste bei den Koalitionsverhandlungen schon jedem bekannt sein. Mir erscheint angesichts vieler Kinderschicksale, die wir beobachten können, eine Gutscheindiskussion legitim. Sie darf allerdings die Grenze nicht überschreiten, die darin besteht, dass wir aus der Politik nicht in jede Familie hineinsehen können. Die Politik kann Angebote unterbreiten, sie kann Betreuungsplätze organisieren, sie muss die Entscheidung aber bei den Familien belassen. Wer diese Diskussion total führt, der muss sich auch fragen lassen, warum das Kindergeld ausgezahlt wird. Denn was für das Betreuungsgeld gilt, mit Hinweis auf die Zweifel, ob es am Ende wirklich Kindern zu gute kommt, vor allem aus Problemfamilien, der muss das erst recht bei dem Thema Kindergeld anführen. Es ist also Vorsicht geboten, wenn man sich nur auf die eine oder andere Seite schlägt.
Die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit hat sich zuletzt zweimal an der Ausbildung von Familienhebammen beteiligt. Für uns war es nie mit einem Angebot an Betreuungsplätzen getan. Wer ernsthaft für die Rechte von Kindern eintritt, muss, wie Pestalozzi es einmal gesagt hat, in der ersten Stunde dabei sein. Nach seiner Überzeugung war die erste Unterrichtsstunde die Stunde der Geburt. Deshalb braucht eine werdende Mutter nicht nur Rahmenbedingungen mit Kindergeld oder Betreuungsgeld oder Hortplätzen oder einem Kindergartenplatz. Sie braucht vor allem, gerade in den Familien die uns vor Augen stehen, wenn sie es wünscht, eine Begleitung schon vor der Geburt und eine Betreuung und Beratung nach der Geburt.
Dabei muss nicht alles staatlich flächendeckend und kollektiv geregelt werden. Es würde völlig genügen, wenn sich der eine oder andere Oberbürgermeister oder Landrat, die eine Oberbürgermeisterin, Bürgermeisterin oder Landrätin, ganz einfach in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich darum kümmern würden, dass Hebammen zu Familienhebammen ausgebildet werden, dass die entsprechenden Summen zur Verfügung gestellt werden und dass ein sogenanntes Backoffice für ihre permanente Betreuung und Beratung an einer Universität, an einer Fachhochschule mit Psychotherapeuten und Sozialarbeitern, in dem einen oder anderen Fall zur Verfügung steht.
In Deutschland gehen die Diskussionen über frühkindliche Bildung und Erziehung und über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf so merkwürdig abstrakt vor sich. Und sie münden immer in der Aufforderung an andere, etwas zu tun. Selten ergreift jemand ganz einfach selbst eine Initiative. Sie könnte aber genau da beginnen, wo Kinder geboren werden. Und sie kann nicht in der reinen Alimentierung von Familien enden, sondern muss in ihrer Ermutigung zur Selbstverantwortung bestehen.
*Foto: Gregor Sticker - Waldkindergarten Duesseldorf





