„Grüßt Gott?“ - Renaissance der Religion
Schon in der Vorstellungsrunde wurde offenbar, dass sich die Teilnehmer selbst verschiedensten Nuancierungen von Weltreligionen, aber auch dem Heidentum zuordnen. Am ersten Abend stellte Mitstipendiatin Jennifer Schmidt ihre Glaubensgemeinschaft „Fellowship of Isis“ vor, die als Unterform des Neopaganismus naturreligiösen Anschauungen folgt. Im Vordergrund steht dabei kein Schöpfungsgedanke, sondern die Lebensführung des Einzelnen nach einer universalisierbaren Maxime. Rituale, Feiertage und Symbole werden teilweise aus der germanischen Mythologie entlehnt. Da letztere zur Zeit des Nationalsozialismus massiv missbraucht wurde, entstand eine kontroverse Diskussion über Legitimität und Gefahren dieses Rückbezugs.
Im seinem Vortrag beschrieb Wolfgang Stützer als rheinländischer Katholik in teils biografischer Färbung seinen Zugang zum Glauben und verglich die großen Weltreligionen in ihrer phänomenologischen Entwicklung. So sieht er insbesondere Potenzial zur Revitalisierung von Religion in unserer Gesellschaft dadurch, dass diese weniger selbstverständlich geworden sei und ein neuer Bedarf nach spirituellem Diskurs und Hinwendung entstehe. Säkularisierung möchte er als Freiheit zu und nicht von Religion verstanden und keinesfalls zur Religion selbst erhoben sehen.
Als dritter Referent stellte Promotionsstipendiat Björn Mastiaux Auszüge seiner Forschung zu Beweggründen für die Mitgliedschaft in atheistischen Organisationen vor. Hierbei erläuterte er anhand von Interviews typische Auslösungsereignisse und analysierte atheistische Lebensführung und Anschauungen in Abgrenzung etwa zum Deismus oder Agnostizismus. Da sich seine Dissertation auf die Verhältnisse in den USA erstreckt, konnte er vielfach Vergleiche zu Deutschland anbringen und hob dabei den nicht immer einfachen Stand des organisierten Atheismus in beiden Gesellschaften hervor.
Im Anschluss referierte Dr. Bekim Agai, Islamwissenschaftler, an der Universität Halle-Wittenberg über das Thema „Der Islam – eine politische Religion?“. In den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellte er die geschichtliche Entwicklung der Türkei, das dort spannungsreiche Verhältnis von Staat und Religion und die Idee eines nationalen Islam. Er bejahte die Frage nach der politischen Religion insoweit, als die Religion in der Türkei weitgehend durch den Staat reguliert und damit zwingend auch mitdefiniert werde.
Für viele ein Höhepunkt war der Vortrag von Bundesministerin a.D. und Vorstandsmitglied unserer Stiftung Dr. Irmgard Schwaetzer, die auch Mitglied in der Synode der EKD ist. Aus dieser Perspektive heraus erläuterte sie die im Grundsatz optimistische Einschätzung, die christliche Kirche sei angesichts ihrer 2000-jährigen Tradition nicht ernsthaft in Gefahr. Sie bleibe vielmehr für viele Mittel zur Bewältigung von Außeralltäglichem. Andererseits kann Frau Dr. Schwaetzer keine Umkehr der Säkularisierung erkennen, wie sie einige in dem Aufleben von Kirchentagen sehen. Ausführlich ging sie auf die Probleme der Evangelischen Kirche ein, Gläubige auch als Kirchenmitglied zu gewinnen und führte diese auch auf ein zu hohes Maß an Selbstbeschäftigung und mangelnde Hinwendung zu neuen Mitgliedern zurück.
Im letzten Programmpunkt des Seminars wurden die Ergebnisse von Gruppenarbeiten ausgewertet, die sich mit dem Wesen von Religion, Bezügen zum Liberalismus und einer psychologisch-wissenschaftlichen Perspektive befasst hatte. Eine angeregte Diskussion entwickelte sich zu der Frage, ob Religion überhaupt eine personifizierte Gottheit voraussetzt. Dabei wurde deutlich, wie schwer Religion als gesellschaftliche Erscheinung definierbar und greifbar ist und dabei in irgendeiner Form die ganze Menschheitsgeschichte begleitet hat. So gesehen lässt sich die Frage nach einer Renaissance von Religion treffend mit den Worten unseres Referenten Herrn Stützer beantworten: „Gott war nie weg!“.
Philipp Lammers
Stipendiat





