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Der Verteidiger des Bindestrichs: Ignatz Bubis (1927 1999)

Nicht nur in der Überzeugung, dass sich jeder Einzelne als Jude bewahrt, „indem er sich als Mensch bewahrt“ (die Schriftleiterin Eva Reichmann-Jungmann im Juli-Heft 1938), traf sich Ignatz Bubis mit den Herausgebern des Morgen. Kultur war auch für Bubis der zentrale Bezugspunkt seiner Identität als deutscher Jude: „Wenn ich von meiner deutschen Identität spreche, so liegt sie vor allem hier, in der deutschen Literatur, in der deutschen Kultur. Nation, das ist für mich Kulturnation.“ (JiD, S. 34) Ganz natürlich verstand der Zentralratsvorsitzende unter der deutschen Kultur „auch und vor allem“ die deutsch-jüdische Kultur, wie sie es mehr als ein Jahrhundert lang war und immer gewesen ist. In seinem gesellschaftspolitischen Engagement betrieb Bubis jene kulturelle Aufgabe weiter, für die sich Der Morgen, der C.V. und viele deutsche Juden noch bis 1938 eingesetzt hatten: zu verhindern, dass Deutsche und Juden voneinander getrennt werden. Den Strich, der beide verbindet und der die Wahrung der deutsch-jüdischen Identität bedeutet, verteidigte Ignatz Bubis wie seine Vorgänger.

„Du bist für uns ein Fremder.… du bist anders.“ (JiD, S. 19) Mit diesem Anwurf sah sich Bubis sein Leben lang konfrontiert. Zu Recht erkannte er darin die Grundlage aller Verfolgung: „Was man nicht kennt, verunsichert, erscheint fremd, bedrohlich. Es muss ausgegrenzt und im schlimmsten Fall dämonisiert werden.“ (JiD, S. 38) Auch die Auseinandersetzungen mit Martin Walser im Jahre 1998 stehen in diesem Lichte. Denn der Schriftsteller operierte in seiner Friedenspreis-Rede mit einer scharfen Trennung in „Opfer“ und „Täter“, hinter denen – auch wenn der Begriff „Jude“ kein einziges Mal fällt – ‚Die Juden‘ und ‚Die Deutschen‘ erkennbar sind. Nicht in ihrer Individualität, in der sie verbindenden Differenz, nahm Walser sie wahr, sondern nur in ihrer vermeintlichen „Entgegengesetztheit“. In der Walser’schen Verengung, die den Mord an den europäischen Juden nur als gewissenbedrohende „Schande" kannte, gab es nur Platz für diejenigen, die „beschuldigen“, und die „Beschuldigten“: „Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen.“ (Walser) Seine Invektive gegen alle „Meinungssoldaten“, die „mit vorgehaltener Moralpistole, den Schriftsteller in den Meinungsdienst nötigen“, distanzierte sich dabei nicht von antijüdischen Ressentiments. So klingt in der von Walser ausgemachten „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ der bekannte Vorwurf einer jüdischen Weltverschwörung an, in den „Intellektuellen, die sie uns vorhalten“, die vielfach beschworene jüdische Dominanz in Kultur und Wissenschaft. Eine Minderheit für die eigene Gewissenslage und die einer ganzen „Nation“ verantwortlich zu machen, erinnert zudem an das Sündenbock-Phänomen.
Die Zustimmung, die Walser von den Applaudierenden in der Frankfurter Paulskirche erhielt, erschütterte Ignatz Bubis nachhaltig. Antisemitische Untertöne aus dem Mund eines preisgewürdigten Schriftstellers erschienen ihm als die Re-Etablierung antijüdischen Gedankenguts in der Mitte der Gesellschaft, als die Enttabuisierung des ‚Schlussstriches‘: „Wenn heute jemand von mir verlangt, einen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, dann verlangt er von mir, daß ich vergessen soll, wie mein Vater, mein Bruder und meine Schwester ermordet wurden. (…) Ich war nie ein Verfechter der Kollektivschuld-These, und ich habe auch nie den Nachkriegsgenerationen die Schuld für das Geschehene aufgebürdet. Aber die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft unbedingt erforderlich.“ (Autobiogr., S. 131) In der hart geführten Auseinandersetzung mit Walser – kaum zwei Jahre nach der Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes an Bubis – sprang ihm kein Vertreter der Regierung bei: „Ich denke ein Schriftsteller muss das sagen dürfen, der Bundeskanzler nicht.“, meine Gerhard Schröder vielsagend. Für den überzeugten Demokraten Bubis, der sich jahrzehntelang von der Lokalpolitik im Frankfurter Stadtrat bis in den FDP-Bundesvorstand engagiert hatte, war diese Isolation eine große Enttäuschung. Resigniert äußerte Bubis in seinem letzten öffentlichen Interview, „nichts oder fast nichts bewirkt“ zu haben: „Ich habe immer herausgestellt, daß ich deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bin. Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben.“ (Stern 31/1999) Am Ende seines Lebens holte ihn, den Ghetto-Überlebenden, seine Debliner Kindheitserfahrung auf tragische Weise wieder ein. Die wachsende Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland, die ohne seinen Einsatz nicht vorstellbar wäre, erlebte er nicht mehr. Vor 10 Jahren, am 13 . August 1999, verstarb ein mutiger deutsch-jüdischer Liberaler.

Ausgewählte Literatur:
Bubis, Ignatz (1996): „Damit bin ich noch längst nicht fertig“. Die Autobiographie [Autobiogr.]. Mit Peter Sichrovsky. Frankfurt am Main.
Bubis, Ignatz (1996): Juden in Deutschland [JiD]. Hg. von Wilhelm von Sternburg. Berlin.
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letzte Änderung: 28.01.2010


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