Der Verteidiger des Bindestrichs: Ignatz Bubis (1927 1999)
Der bekannteste „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens“ machte nicht erst in diesen Auseinandersetzungen die Erfahrung, immer zuvorderst als Jude wahrgenommen zu werden – und nicht als Deutscher. Mit Blick auf die längst vorüber geglaubten antijüdischen Vorurteile, mit denen er sein Leben lang konfrontiert war, wählte Bubis daher wohl mit Bedacht diese formale Selbstbezeichnung, um seine deutsch-jüdische Identität zu erklären. Sie stellt die jüdischen Mitbürger neben diejenigen anderer Glaubensrichtungen, die selbstverständlich als Deutsche wahrgenommen werden: wie andere katholisch und deutsch sind, „so bin ich jüdisch und deutsch“ (JiD, S. 21), erwiderte Bubis, wenn er – wie so oft – für einen Israeli gehalten wurde. Dabei empfand Bubis sein Judentum stets mehr als Zugehörigkeit zu einer „Tradition“ denn als religiöse Kategorie; einem orthodoxen Familienhaus entstammend, sah er sich in erster Linie als „ein aufgeklärter, beinahe areligiöser Mensch.“ (JiD, S. 72) Für den jüdischen Staat einzutreten, war ihm dennoch eine Selbstverständlichkeit, auch wenn er betonte: „…Israel ist nicht meine Heimat.“ (Autobiogr., S. 229)Durch sein Selbstbekenntnis wie durch sein Wirken hat sich Bubis in die jahrhundertelange deutsch-jüdische Tradition gestellt, deren kulturelle Leistungen bis zum Novemberpogrom 1938 reichen und heute vielen unbekannt sind. Nicht nur seine Wortwahl ist eine deutliche Referenz an den Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.), der von 1893 an einen Großteil der akkulturierten Mehrheit unter den deutschen Juden vertrat. Der „Traum von der jüdischen Emanzipation in der deutschen Gesellschaft“ (JiD, S. 8), den Bubis nach dem Krieg herbeisehnte, war für Juden in Deutschland nach der Verleihung des allgemeinen Bürgerrechts zu Beginn des 19. Jahrhunderts nämlich lange Zeit gelebte Realität – wenn sie auch immer bedroht war. Der C.V. zählte bis zu seinem Verbot 1938 zu den entschiedensten Verteidigern dieser Errungenschaft und war eine treibende Kraft im Abwehrkampf gegen den Antisemitismus. In der Verbindung von praktischer Hilfe (vor allem in der Rechtsschutzarbeit und im Erziehungswesen) mit politischer Arbeit – auch hier klingt Bubis an – sowie durch seine kulturellen Aktivitäten trat der Verein den Versuchen entgegen, die Juden aus der deutschen Gemeinschaft zu verdrängen – auch nach 1933. Lange bevor die Ghettos, die Bubis erlebte, errichtet wurden, erhob der C.V. zusammen mit anderen Vereinen Einspruch gegen die geistige Ghettoisierung des deutschen Judentums.
Um die geistigen Parallelen zwischen Bubis und Großteilen der deutschen Juden vor dem Krieg zu verdeutlichen, sei ein Blick auf die jüdische Publizistik im nationalsozialistischen Deutschland erlaubt. Als Sprachrohr dienten vor allem die mehr als fünfzig jüdischen Presseerzeugnisse, deren monatliche Gesamtauflage bis 1937 bei über einer Million lag, so dass statistisch auf jeden Juden zwei Exemplare entfielen. Neben der wöchentlich erscheinenden C.V. Zeitung, dem offiziellen Vereinsorgan des C.V. und größten jüdischen Periodikum der Zeit, exponierte sich die Monatsschrift Der Morgen (1925-38, bis 1933 zweimonatlich), die ebenfalls im Berliner Philo-Verlag erschien. Dem Bekenntnis des Gründungsherausgebers Julius Goldstein folgend – „Wir sind Juden. (…) – Wir sind Deutsche“ (1925) –, stellte sie sich mit den Mitteln einer Kulturzeitschrift der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik entgegen: „Man kann uns verbannen aus dem aktiv-bürgerlichen Leben Deutschlands aber nicht aus dem geistigen deutschen Leben und aus der Welt, in dem wir nun seit mehr als fünf Generationen wurzeln und wachsen. Wir können und wollen nicht aufhören, so gut wie in den großen Traditionen des Judentums den Urgrund unseres Wesens und Handelns zu erblicken in dem Werk von Lessing und Goethe, von Kant und Humboldt, von Rembrandt und Beethoven.“ (Julius Bab im August-Heft 1933) Im Prozess der kulturellen Selbstbehauptung kam der Literatur von 1933 an innerhalb des Morgen eine Schlüsselrolle zu: In über hundert Erzählungen und Gedichten, Essays und literarischen Rezensionen manifestiert sich der Kampf um die (moderne) Poetik des Individuums gegen den völkischen Literaturbegriff der Nazis, die Auseinandersetzung mit einer immer bedrohlicheren gesellschaftlichen Realität wie auch das Fortschreiben der eigenen deutsch-jüdischen Identität.





