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Menschenrecht oder Lifestyle?

Marktwirtschaft ist zwar kein Garant, aber notwendige Bedingung für die Gleichstellung Homosexueller - so lautet eines der Ergebnisse eines Seminars unter dem Titel „Menschenrechte von Homosexuellen oder Lifestyle Homosexualität?“ Mit diesem Thema beschäftigte sich die Queer-Initiative der Stipendiaten zusammen mit der Initiative Queer Nations e.V. in der Theodor-Heuss-Akademie.

Andreas Pretzel von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft referierte über die schleppende historische Entwicklung sexueller Menschenrechte in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland. Nicht zuletzt der Einfluss katholischer Vorfeldorganisationen und der Wunsch nach „Sitte und Moral“ habe die massive strafrechtliche Verfolgung Homosexueller ausgelöst.

Ein Programmteil war daher dem schwierigen Verhältnis von Religion und der gesellschaftlichen Anerkennung und Gleichberechtigung homosexueller Lebensbeziehungen gewidmet. Zunächst referierte Jürgen Wandel über den Umgang mit Homosexualität am Beispiel der evangelischen Kirchen. Er betonte, dass die Entwicklung der vergangenen 30 Jahre einer Revolution gleiche vor dem Hintergrund der 2000jährigen Tradition der Kirche.
Danach wandte sich Dr. Andreas Hieronymus dem Stand von Homosexuellen in islamisch geprägten Staaten, wo Homosexuelle ein kompliziertes Nischendasein zwischen offener Ächtung und fragiler gesellschaftlicher führten. Trotz aller Ablehnung haben Homosexuelle gelernt, in den Religionen zu existieren und umgekehrt auch die Religionen Wege gefunden, Homosexualität zumindest teilweise kanalisiert als Randerscheinung zu akzeptieren. Für kontroverse Diskussionen sorgte die Frage, ob man Religion und Staat strikt trennen oder aber Religionen zum Zweck ihrer gesellschaftlichen Öffnung integrieren sollte.

Die Referenten und Teilnehmer gingen auch den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf den Grund, die dazu führen, dass in einigen Ländern Homosexuelle verfolgt, in anderen gleichgestellt werden. Jan Feddersen konzentrierte sich auf die Entwicklung von Individualismus im Zuge der Industrialisierung von Gesellschaften, Wolfgang Boger zeigte mit einer empirischen Länderanalyse, dass es einen Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Freiheit und Rechten für Homosexuelle gibt. Marktwirtschaft sei zwar kein Garant, aber notwendige Bedingung für die Gleichstellung Homosexueller. Nur ein einziges Land mit geringer wirtschaftlicher Freiheit hat positive Rechte für Homosexuelle geschaffen (Argentinien). Umgekehrt wird insbesondere in einer modernen Ökonomie, in der Kreativität eine besondere Rolle spielt, eine tolerante und weltoffene Gesellschaft zum Standortfaktor, wie Daniel Dettling (Berlinpolis) in seinem Vortrag betonte.

Eine sehr spannende Leserunde mit Prof. Andreas Kraß am Kamin führte von Darwin über das Tierreich hin zum Leben in einer heteronormativen Gesellschaft, von der sich nach dieser Lesung jeder Zuhörer zumindest ein Bild vorstellen kann.

Die besonders schlechte Menschenrechtssituation für Schwule in Afrika begründete Nigel Crawhall aus Südafrika mit der Tatsache, dass außerhalb der Städte vielfach nicht kapitalistisches, sondern traditionell agrarisches Wirtschaften vorherrscht. Diese Gesellschaften brauchen die heterosexuelle Reproduktion als Grundpfeiler des Arbeitskräftebedarfs der Familien. Er empfahl den Lesben und Schwulen in Afrika, ihre Situation über Lobbying bei den Vereinten Nationen zu verbessern – so, wie es andere Minderheiten (etwa indigene Völker) in Afrika bereits getan haben.

Fazit des Seminars: Sowohl die marktwirtschaftliche Ordnung als auch eine weniger fundamentalistische Interpretation von Religionen begünstigt die Menschenrechtslage Homosexueller. Ich persönlich kann dieses Seminar nur weiterempfehlen und freue mich schon auf die nächsten Veranstaltungen der Queer-Initiative.

Holger Sieg
Stipendiat


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letzte Änderung: 24.06.2009


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