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Barthold C. Witte: Günter Grass – und kein Ende?
Dr. Dr. h. c. Barthold C. Witte,
ehem. Geschäftsführender Herausgeber
von ›liberal‹, Ministerialdirektor a. D.,
Publizist, Bonn.
Die hohen Wogen der öffentlichen Empörung und die etwas niedrigeren Wogen ebensolcher Zustimmung sind verrauscht. In den Feuilletons der Zeitungen und Zeitschriften wie im Kulturradio werden längst die nächste und die übernächste Sau durch das Mediendorf getrieben. Wozu also noch ein Kommentar zur zwiebelhäutenden Autobiographie des Nobelpreisträgers Günter Grass?
Die Antwort ist zwiefach: Als Generationsgenosse –, er Jahrgang 1927, ich ein Jahr später geboren – also als ein unmittelbar Betroffener will ich versuchen, im Grass’schen Acker der Erinnerung eine Elle tiefer zu graben, als das in der Debatte um Zugehörigkeiten zur Waffen-SS fast durchweg geschah. Zum zweiten erscheint es mir nötig, den bisherigen Ruhm von Günter Grass als erster Moralprediger der deutschen Nation kritisch zu hinterfragen. Bei allem bleibt, wie ich finde, der Rang von Grass als einer der wichtigsten Schriftsteller des deutschen zwanzigsten Jahrhunderts unbestreitbar und unangetastet.
Zunächst also zur Selbstbeschreibung »beim Häuten der Zwiebel«. Das Zwiebelbild ist einprägsam, verschwimmt aber zunehmend bei der Lektüre des fast fünfhundertseitigen Berichts über Jugend und frühe Erwachsenenjahre. Dieser liest sich gut, gewiss, und partienweise überaus spannend, in seinen besten Teilen so konkret, wie es nur jemand mit einer überaus scharfen Beobachtungsgabe vermag. Seit dem »Treffen von Telgte« hatte ich kein Grass-Buch mehr von Anfang bis Ende oder überhaupt gelesen; zuletzt war ich im »Butt« stecken geblieben; die Zwiebeln habe ich bis zum Ende mitgehäutet. Ein gutes Buch also, endlich wieder, indessen von schwankendem Charakter. Kompetente Rezensenten haben das sogleich erkannt: Auf Kapitel, in welchen vergangene Wirklichkeit überaus präzise wiederbelebt wird, folgen andere, die durchaus fiktive Züge tragen.
Das wäre nicht schlimm, wenn sich nicht sehr bald zeigte, dass die Realitätstreue immer nur den Anderen, den Weggefährten zugute kommt, als Fiktion hingegen fast alle Schilderungen des Autors über sich selbst gelten müssen, zwar nicht als reine Fiktion, aber doch mit dem Ergebnis, dass der geneigte Leser oft genug ratlos bleibt vor der Frage, was nun wirklich geschah. Zum Beispiel die Abfolge von Flakdienst, Arbeitsdienst und Waffen-SS vom Herbst 1943 bis zum Frühjahr 1945: Kaum ein Datum stimmt mit dem überein, was in jeder zeithistorischen Darstellung als Schicksal des Jahrgangs 1927 nachzulesen ist. Er wisse kein Datum, schreibt Grass einfach dazu (S. 75). Nun ja.
Schwerer noch wiegt die Unbestimmtheit der Aussagen darüber, wie er über eine Freiwilligenmeldung zur Marine schließlich bei der Waffen-SS als Panzerschütze landete. An einer Stelle (S. 85) spricht er immerhin davon, dass er, wenn es nicht mit der Marine klappte, dann zu den Panzern wollte. Wurde der siebzehnjährige Grass also wirklich ohne oder gar gegen seinen Willen in die SS-Division »Georg von Frundsberg« eingezogen? Zweifel sind erlaubt, ja geboten. Denn dass der junge Grass, ob nun, wie er angibt, durch die Wochenschau verführt oder aus tieferer Überzeugung, dem Nationalsozialismus ohne Vorbehalt anhing, hat der alte Grass freimütig eingestanden. Da musste ein Eintritt in die SS, Hitlers Elitetruppe, als erster Schritt zur Karriere im Hitler-Staat doch geradezu willkommen sein. Grass hat zudem mitgeteilt, er habe das NS-Regime als verbrecherisch erst erkannt, als der ehemalige Reichsjugendführer, Baldur von Schirach, in seinem Schlusswort während des Nürnberger Prozesses bedauerte, die deutsche Jugend in falsche Richtung geführt zu haben. Das war im Herbst 1946, Grass war knapp neunzehn Jahre alt, also erwachsen und seit Kriegsende ausführlich über die NS-Greuel informiert worden, was er, sagt er, bis dahin als Propaganda
der Feinde abgetan hatte. Politisches Urteilsvermögen? Fehlanzeige, jedenfalls für damals.