Klaus Kinkel: Forderungen für ein starkes Bildungssystem
Dr. Klaus Kinkel, Bundesminister und Vizekanzler a.D., Vorsitzender des Vorstandes der Deutschen Telekom Stiftung, Bonn.
Weil wir kaum über Rohstoffe verfügen, sind die Menschen dieses Landes unser größtes Kapital. Doch statt unsere Energie in die Pflege und den Ausbau unserer besten Ressource zu stecken, vernachlässigen wir mit Verweis auf die klamme Kassenlage, durch ideologisch festgefahrene Debatten oder – noch schlimmer – föderales Zuständigkeitsgerangel systematisch dringend notwendige Reformen. Währenddessen vermitteln Bildungsgipfel und sich scheinbar bessernde PISA-Noten in der Öffentlichkeit den Eindruck, dass die Politik hier endlich handelt und die Trendwende erreicht sei.Doch der Eindruck täuscht. Zwar ist das Thema Bildung seit dem „PISA-Schock“ politisch relevanter geworden, aber noch immer tut sich viel zu wenig. Bildung ist der Schwerpunkt der Arbeit der Deutschen Telekom Stiftung – daher wissen wir, dass das Glas nicht einmal ansatzweise halb voll ist. In Deutschland setzen wir die falschen Anreize, halten starr an scheinbar „Bewährtem“ wie der Halbtagsschule fest, und vor allem geben wir nach wie vor viel zu wenig Geld für Bildung aus. Im Zweifelsfall pumpt unsere Regierung lieber Geld in den Erhalt nicht mehr wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze als heute die Grundlage für die hochqualifizierten Arbeitsplätze von morgen zu legen.
Studien belegen, dass dies mitnichten nur ein kurzfristiges Phänomen angesichts der augenblicklichen Wirtschaftskrise ist. So liegt Deutschland nach dem jüngsten Innovationsindikator,1 den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jährlich im Auftrag der Telekom Stiftung und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) erarbeitet, in puncto Bildung unter den 17 führenden Industrienationen der Welt lediglich auf Platz 15.
Mehr Investitionen in die Bildung
Allen Ankündigungen der Bundesregierung zum Trotz bleiben die Investitionen in Bildung in Deutschland im internationalen Vergleich insgesamt viel zu gering. Nach der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2008“ haben im Jahr 2005 – dem jüngsten verfügbaren Vergleichsjahr – die OECD-Länder 6,1 Prozent ihrer kumulierten Wirtschaftsleistung in die Bildung gesteckt, Deutschland aber nur 5,1 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP). Nur Japan und Italien liegen bei den öffentlichen Ausgaben für die Bildung noch hinter Deutschland. Bei den Ausgaben pro Schüler liegt Deutschland nur im Tertiär- und Sekundarbereich II leicht über, im Sekundarbereich I und im Primarbereich aber unter dem OECD-Schnitt.
Mittelplätze oder noch schlechtere Ränge im Ranking reichen für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes aber nicht aus. Wir haben keine anderen Ressourcen als unsere hellen Köpfe! Deshalb muss, über alle Konjunkturpakete hinaus, die Bildung in der Ausgabenpriorität viel weiter nach vorne rücken. Unser Staat kann nicht für alles Geld ausgeben, aber für Bildung zu wenig übrigzuhaben, können wir uns schlicht nicht leisten.
Exzellenz für Deutschlands Lehrer
Jede nachhaltige Verbesserung des deutschen Bildungssystems muss bei den Lehrern ansetzen. Das ist eine der zentralen Stellschrauben. Nur mit begeisterten, gut aus- und kontinuierlich fortgebildeten Lehrern können Deutschlands Schüler den Anschluss schaffen.
Zunächst müssen wir die richtigen Studenten aus den richtigen Gründen für den Lehrerberuf gewinnen. Dazu muss das Ansehen des Lehrerberufs wieder steigen und die Lehrerschelte muss aufhören. Denn während in den Vorzeigeländern der internationalen Bildungsrankings der Lehrerberuf höchste Wertschätzung genießt, ist sein Ansehen in Deutschland in den letzten Jahrzehnten stark gesunken. Genauso wichtig ist es aber, die richtigen Anreize für die Berufswahl zu setzen. Nicht die Aussicht auf berufliche Sicherheit, sondern Begeisterung und Eignung müssen bei der Wahl des Lehrerberufs im Vordergrund stehen. Natürlich muss sich aber Leistung und Motivation für Lehrer auch lohnen. Innerhalb der Schulen müssen Anreizsysteme für besonders engagierte Lehrer geschaffen und Karrierewege, insbesondere für potenzielle Schulleiter, aufgezeigt werden. Es müssen die Besten, nicht die Bequemsten, Lehrer werden wollen – und Lehrer werden.
Gleichzeitig muss die Ausbildung der Lehrer deutlich besser werden. Und das schnell, da aufgrund der demografischen Entwicklung bei den Lehrkräften ein Generationswechsel bevorsteht und wir heute die Grundlagen für das Bildungssystem der kommenden Jahrzehnte legen. Die Universitäten nehmen die Lehrerbildung bislang nicht ernst genug und müssen deshalb von der Politik dazu angehalten werden, sich jetzt mit viel stärkerem Nachdruck um das Thema zu kümmern, statt sich nur auf prestigeträchtige Exzellenz in der Forschung – die wahrhaftig auch sehr wichtig ist – zu konzentrieren. Exzellenz in der Lehrerbildung muss den gleichen Stellenwert wie Exzellenz in der Forschung bekommen. Besonders in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (den MINT-Fächern) hat die Lehrerausbildung – quantitativ und qualitativ – einen viel zu geringen Stellenwert. Nur Lehrer mit einer soliden Ausbildung, die Fachwissen, Fachdidaktik und Pädagogik angemessen kombiniert, werden Begeisterung für ihre Fächer wecken. Nur gut ausgebildete Lehrer werden in der Lage sein, Kinder und Jugendliche individuell zu fördern – nach Begabung, mit Blick auf Unterschiede von Jungen und Mädchen oder auf Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Schichten. Wir brauchen Exzellenz, nicht nur in der Theorie, sondern vor allem in der Praxis!





