Karim Saab: Stimmungsvergleich in Schwarzweiß
Warum realitätssüchtige Fotografie auch gut und gern auf Farbe verzichten kann
Karim Saab,lebt als Literaturkritiker in Potsdam. Redakteur der Märkischen Allgemeinen.
Eine alte gebrechliche Frau vor einem Riesenberg Kohlen, der einfach vor ihrem Kellerfenster abgekippt wurde. Ein Hooligan, der Polizisten den Stinkefinger entgegenreckt. Selbstvergessene Liebespaare, Hundehalter und Straßenmusikanten vor Imbissbuden und an Straßenecken. Die Motive von Harald Hauswald sind Momentaufnahmen aus dem Alltag. Zu DDR-Zeiten war das ein Politikum. Müde, abgestumpfte Arbeiter in der U-Bahn passten nicht zu den Kampfparolen der Partei. FDJler und Soldaten sollten lächeln oder wenigstens intelligent dreinschauen. Und auch der Verfall der öffentlichen Straßen und Plätze war eigentlich auszublenden.
Harald Hauswald ließ sich nicht beirren. Er behielt immer das einfache Treiben im Blick, das er als Telegrammbote und Heizer, als Anstreicher und Gerüstbauer in den 70er Jahren selbst gelebt hatte. Zum ernsthaften Fotografen entwickelte er sich erst in den 80ern.
Auch bei kritisch eingestellten DDR-Jugendlichen machte er sich mit seiner realitätssüchtigen Fotografie zunächst nicht beliebt. Denn er fotografierte, was viele nicht mehr sehen konnten und nicht mehr sehen wollten, und was auf den ersten Blick sehr plakativ schien: groteske Schaufensterauslagen, bestehend aus nur einem Produkt, oder dumpfe Parolen wie »Frieden ist nicht Sein, sondern Tun!«, unter denen dann irgendwelche missmutigen Rentner herumsaßen. Hauswalds Reportagebilder über das Leben in der DDR wirkten damals nur wie eine Bestätigung einer Realität, heute sind sie anschauliche Zeugnisse einer untergegangenen Welt. Wo man auch hinsah, das Land war voll von Peinlichkeiten. Wer was auf sich hielt, wollte sich abheben. Die Ausbruchsversuche wurden aber oft noch peinlicher.
Einblicke, die den Eigensinn herausstellen
Mit dem gesellschaftlichen Leben in der DDR stagnierte auch die sozial-dokumentarische Fotografie. Die meisten Fotografen mieden die Straße und meldeten sich aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit ab. Sie verwahrten sich gegen den Abbildcharakter des Mediums, wollten mit dem Fotoapparat den Ist-Zustand überwinden und in rein ästhetische Bildwirklichkeiten fliehen. Inszenierte, künstlerische Fotografie war angesagt. Nicht bei Harald Hauswald. Er blieb ganz einfach Fotograf und registrierte die neuen Milieus: Plötzlich traf man sich in Wohnungen zu Lesungen, auf Hinterhoffesten, bei Country-Festivals oder in Kellern zu Punk-Konzerten.
Den Sicherheitsorganen der DDR missfielen diese Einblicke, die den Eigensinn herausstellten. Harald Hauswalds Bilder wurden in der westdeutschen Presse bekannt. Sein Buch »Berlin-Ost. Die andere Seite einer Stadt« erschien 1987 just zur 750-Jahrfeier der geteilten Stadt in München. Es kam zu einem diplomatischen Schlagabtausch zwischen Ostberlin und Bonn. Bereits zwei Jahre zuvor, 1985, war gegen Hauswald ein Haftbefehl mit vier Anklagepunkten ausgestellt worden: »Weitergabe nicht geheimer Nachrichten«, »Agententätigkeit«, »staatsfeindliche Hetze« und »Devisenvergehen«. Doch mit dem Vermerk »Aus politischen Gründen im Moment nicht ratsam« wanderte das Papier wieder in die Akten. Die in Ostberlin akkreditierten westdeutschen Korrespondenten, die ihre Beiträge gerne mit Hauswald-Fotos schmückten, hätten bei einer Verhaftung zu viel Krach geschlagen. Außerdem schützte Hauswald, dass er seit 1981 bei der Stephanus-Stiftung, einer Einrichtung der evangelischen Kirche, als Fotograf fest angestellt war. Die Mutter seiner Tochter Anne war über das Gefängnis in den Westen ausgereist, Hauswald war alleinerziehender Vater. Die etwa 5.000 Orwo-Schwarzweißfilme, die er bis 1989 belichtet hat, überstanden die Querelen. Erst heute wird deutlich, was ihm gelungen ist: Schnappschüsse, die eine untergegangene Ära heranzoomen. Unkorrumpierte Lebenszeichen. Manche Motive sind von bestürzender Metaphorik. Etwa die Gruppe Fahnenträger einer Erste-Mai-Demonstration, die 1987 hastig vor einem heftigen Regenschauer Reißaus nimmt, oder der Schriftzug eines Geschäfts mit dem Namen »Wohnkultur« vor einer völlig unbewohnbaren Häuserzeile. Dabei war es nie ein politisierter Zeigefinger, der bei Harald Hauswald Regie führte. Die Kontinuität seines Schaffens wird deutlich, wenn man heutigen Bilder daneben hält. Sein Archiv ist um weitere 5.000 Filme gewachsen.






