Wolfram Weimer: Neue Bürgerlichkeit und Liberalismus
Wolfram Weimer,Chefredakteur von »Cicero«.
Es stimmt, dass Angela Merkel auf offener Bühne zu einer Sozialdemokratin mutiert. Es stimmt auch, dass die Große Koalition mit ihrer wuchtigen Steuererhöhungspolitik dem Etatismus noch einmal auf seine bleiernen Beine hilft. Und es stimmt sogar, dass die SEDPDSWASGLINKSPARTEI so mimt, als sei die Linke noch lebendig und nicht nur anachronistisch.
Nur – all das ist nicht mehr wesentlich. Denn unterhalb der gekräuselten Gewässer unserer Parteipolitik, die die Boote der Überzeugungen mal hierhin, mal dahin treiben lässt, geschieht etwas ganz anderes. Dort hat sich eine gewaltige Strömung in Bewegung gesetzt, die die Gesellschaft immer weiter in die bürgerliche Restauration schiebt.
So ist das deutsche Bürgertum zwar von der Politik enttäuscht, weil ihm Kirchhofs Garten der Freiheit versprochen wurde, aber Becks Reformbonsai herausgesprungen ist. In Wahrheit aber betreibt man das kulturelle Rollback der Nation umso systematischer auf eigene Initiative.
Die Bildungsbürger feiern Gottfried Benn, man liest wieder Heidegger statt Adorno, Thomas Mann statt Bertolt Brecht. Der Bestsellerroman von Daniel Kehlmann ist ein zutiefst konservatives Phänomen. In Museen zeigt man plötzlich Caspar David Friedrich und Romantisch-Melancholisches. Selbst Jürgen Habermas, die letzte lebende Legende der Frankfurter Schule, ist vom fordernden Soziologen zum mythologisierenden Religionsphilosophen zurückverbürgerlicht. Und in seiner Heimatstadt der linken Bewegung, im APO-Frankfurt kuschelt sich das linksökologische Milieu erstmals in eine schwarz-grüne Großstadtregierung.
Die Restauration ist kulturell weiträumig angelegt: Am bunten Ende ist selbst RTL vom bürgerlichen Rollback erfasst. Der Sender, der einst frech mit blanken Busen begann, macht heute die höchsten Quoten mit einer Super-Nanny, die deutschen Familien den bürgerlichen Erziehungskanon erklärt, und – noch unglaublicher – mit einer Abendshow im Smoking, die den Standardtanz zelebriert und Höflichkeitsrituale der fünfziger Jahre hochleben lässt.
Am oberen Ende verdrängen die Historiker und Juristen die konkurrierenden Soziologen und Politologen von den Bühnen des Diskurses. Alle aktuellen Geistesdebatten Deutschlands werden von konservativen Stichwortgebern initiiert. Ob aus der Welt der Journalismus Frank Schirrmacher, Gabor Steingart und Christoph Keese oder aus der Sphäre der Wissenschaft Paul Kirchhof, Arnulf Baring, Paul Nolte, Meinhard Miegel und Udo Di Fabio – von Joseph Ratzinger ganz zu schweigen. Damit wird auch die Begrifflichkeit gegenreformatorisch durchdekliniert. »Elite« ist wieder eine Orientierungsformel, genauso wie »Werte« und »Leitkultur«, »Heimat« und »Leistungsethik«. Beinahe altbacken klingen dagegen die besiegten Leitbegriffe von »Solidarität« bis »Emanzipation«. Selbst der Humor zeigt als sicherer Trendindikator eindeutig weg vom Dieter-Hildebrandt-Kritik-Kabarett im Rollkragenpulli hin zur Harald-Schmidt-Salon-Comedy im italienischen Anzug.





