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Jürgen Kaube: Ungleiche Bildung – was heißt das?
Jürgen Kaube,
Redakteur im Feuilleton der
"Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
Eine der vielen Erwartungen an Schulen ist es, Unterschiede in der sozialen Herkunft der Schüler zu neutralisieren oder doch mindestens nicht zu reproduzieren. Kinder und Jugendliche, die in ihren Familien bildungsarm aufwachsen, sollen durch Unterricht in ihren Kenntnissen und ihrem Können näher an diejenigen herangeführt werden, die zuhause mehr Unterstützung genießen. Gerade aber, was diese Frage angeht, hat das deutsche Bildungssystem keinen guten Ruf. Nach Auskunft der Forschung verstärkt es Herkunftsunterschiede sogar. Die Kinder kommen noch ungleicher aus der Schule heraus als sie eingeschult wurden.
Seit die Ergebnisse der Pisa-Studie vorliegen, ist dieser Befund tausendmal wiederholt worden. Aber was genau damit gemeint ist, bleibt diesseits des empörten Tones unklar. Die Familien sind ungleich, ihre Kinder werden durch die Schule nicht gleicher. Liegt das daran, dass die Schulen durch die familiär bedingte Ungleichheit überfordert sind? Der Hinweis, den finnischen, kanadischen und neuseeländischen Schulen gelinge es doch auch, gleichheitsfördernd zu unterrichten, ist nur scheinbar informativ. Denn »Ungleichheit« dürfte in Ländern, deren größte Einwanderergruppen aus Schweden, den Vereinigten Staaten oder England kommen, etwas anderes bedeuten als wenn es sich um Menschen aus Anatolien, Russland oder dem Libanon handelt. Und auch, was die jeweiligen Inländer angeht, müsste Vergleichbarkeit der Haushalte mit geringerem sozialen Status gegeben sein, um ernsthaft die Schule als zentralen Problemherd bezeichnen zu können – doch ob eine solche Vergleichbarkeit familiären Erziehungsverhaltens in den verschiedenen Teilnehmerländern der Pisa-Studie vorliegt, darüber wird noch nicht einmal geredet.
Dass die deutsche Schule oft nicht familiengerecht, also blind für soziale Unterschiede und Aufholbedürfnisse erzieht, ist also das eine. Das viele, zu viele Familien – und nicht nur solche aus dem Migrationsmilieu – nicht schulgerecht erziehen, ist das andere. Das hindert Ungleichheitsforscher allerdings nicht, Vorwürfe vor allem an die Schulen zu adressieren. Durch die Bildungsexpansion der sechziger und siebziger Jahre, so wird beklagt, habe sich nichts an der Ungleichheit von Bildungschancen geändert. Das kann zwar nicht stimmen, denn irgendwoher müssen die zusätzlichen Abiturienten und Studenten ja gekommen sein. Wenn nicht mehr fünf sondern dreißig Prozent eines Jahrganges studieren, dann geht das wohl kaum auf ein entsprechendes Wachstum der Oberschicht zurück. Sofern die Öffnung des Bildungssystems den Arbeiterkindern nicht zugute gekommen sein sollte, dann muss beantwortet werden, wer sich anstelle der Arbeiterkinder die zusätzlichen Schul- und Studienplätze angeeignet hat. Die Töchter der Beamten? Frauen überhaupt? Tatsächlich ist beispielsweise von jenem »katholische Mädchen vom Lande«, das 1967 noch herangezogen wurde, um die Gleichheitsdefizite des deutschen Bildungssystems zu illustrieren, nicht mehr viel die Rede. Dafür aber hält sich der Befund, es kämen »noch immer zu wenige« Arbeiterkinder an die Hochschulen.
Durchschnittsberechnungen
bringen keine Klarheit
Aber wie viele wären denn zufriedenstellend? Und wie stellt man eigentlich fest, aus welchem sozialen Hintergrund heraus eine Bildungskarriere erfolgt? Das geht nicht so umstandslos, wie man denken mag. Denn wenn ein Arbeiterkind Abitur macht und beispielsweise Bankangestellter wird, dann sind seine eigenen Kinder keine Arbeiterkinder mehr. Werden sie von den Ungleichheitsforschern darum als Arbeiterenkel erfasst? Vermutlich nicht, denn es geht ja darum, den Einfluss der Erziehungsumstände auf den Bildungsverlauf zu untersuchen. Was aber sind die Erziehungsumstände, wenn die Eltern zwar Arbeiterkinder, selber jedoch Akademiker sind? Zu welchen Anteilen mag die Herkunft, zu welchen Anteilen die Ausbildung der Eltern eine Rolle spielen? Überwiegt das Leistungsethos derer, die sich durchgesetzt haben, oder fehlt den Aufsteigern der ersten Generation noch das ganze Repertoire der Möglichkeiten, die Bildung ihrer Kinder zu fördern?