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Mario Vargas Llosa: Tränen für eine Coca-Cola

Mario Vargas Llosa, geb. 1936, peruanischer Schriftsteller und liberaler Politiker.

Vor Kurzem war ich zu einem Blitzbesuch in Caracas, um mir die Inszenierung eines meiner Werke, »Al pie del Támesis«, durch Héctor Manrique anzusehen – wirklich großartig – , und trotz der Kürze meines Aufenthaltes habe ich aufgrund dessen, was ich gesehen, gehört und gelesen habe und worüber ich mit meinen Freunden in den wenigen Stunden gesprochen habe, Venezuela mit der Überzeugung verlassen, dass das vom Comandante Chávez eingeleitete autoritäre Vorhaben mit dem Etikett »Bolivarische Revolution« und »Sozialismus des 21. Jahrhunderts« heute geringere Erfolgsaussichten hat als noch vor einigen Jahren. Und dass die Zeit und der Widerstandsgeist des venezolanischen Volkes Schritt für Schritt das Risiko, das Vaterland Bolivars könnte zu einem zweiten Kuba werden, verringern.
Woraus ich meine Zuversicht schöpfe? Aus der Freiheit, mit der die Venezolanerinnen und Venezolaner aller Schichten auf der Straße, auf den Plätzen, in den Cafés, überall, die Regierung kritisieren, ohne sich von den Repressalien einschüchtern zu lassen, denen ihre Gegner ausgesetzt sind – und zu denen Ungerechtigkeiten aller Art gehören, von plötzlichen Entlassungen aus dem Staatsdienst, Strafzahlungen, Kontrollen, Kündigungen von Verträgen und Genehmigungen, die mit Unternehmern und Händlern vereinbart worden waren, sowie Verstaatlichungen und Beschlagnahmungen bis zu Auftritts- und Arbeitsverboten für Künstler, Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten, die sich nicht als willfährige Instrumente der Macht vereinnahmen lassen, in Radiostationen, Fernsehkanälen und Theatern – und aus den Umfragen zu den Wahlen am kommenden 23. November, bei denen 22 Gouverneure und 335 Bürgermeister gewählt werden, wonach die vereinte Opposition im ganzen Land mehrere Wahlerfolge erzielen könnte.
Chávez weiß das und hat entsprechende Vorkehrungen getroffen, indem er unter offenem Bruch der Verfassung fast dreihundert größtenteils der Opposition angehörende Bürger mit Hilfe des Rechnungshofs der Republik als »zur Teilnahme an den Wahlen nicht befähigt« erklären ließ. Dazu gehörten vier Kandidaten, denen die Umfragen gute Aussichten auf einen Sieg in ihren Staaten eingeräumt hatten und die nun von einer Beteiligung ausgeschlossen sind. Der Oberste Gerichtshof hat, mittlerweile ganz im Dienst des Regimes, den Verfassungsbruch für rechtens erklärt. Trotzdem hat sich bei den Venezolanern ein gewisser Optimismus breit gemacht, obwohl klar ist, dass Chávez nach der Niederlage am 2. Dezember 2007 alles in seiner Macht Stehende tun wird, um einen weiteren Rückschlag zu verhindern. Wäre das Regime zu einem generellen Wahlbetrug in der Lage? Angesichts der elektronischen Stimmabgabe wäre das nicht einfach, aber es bedarf natürlich einer Kontrolle in den Wahllokalen, wie sie die Stundenten während des Referendums über das Projekt zur Verfassungsreform im vergangenen Dezember sichergestellt haben. Und mit Sicherheit wird es dieses Mal erneut zu einer ähnlichen Mobilisierung kommen, um dem Risiko einer unzulässigen Verfälschung der Ergebnisse zu begegnen oder es zumindest zu reduzieren.
Bei einem Frühstück mit Maiskuchen und Käse – ein Leckerbissen, dem die Bolivarische Revolution bisher glücklicherweise nichts anhaben konnte – frage ich meine Freunde, warum das Regime von Chávez in Venezuela bisher nicht die Zwangs- und Einschüchterungsinstrumente – wie etwa die Nachbarschafts- und Bezirkskomitees von Castros Kubanischer Revolution – einführen konnte, die in allen autoritären Gesellschaften die Zivilgesellschaft zum Schweigen bringen und es dem Regime gestatten, Freiheitsspielräume einschließlich der Möglichkeit zur Kritik an der Macht abzuschaffen. Eine überzeugende Erklärung hierzu bekomme ich von Teodoro Petkoff, Gründer der M.A.S. (Bewegung für den Sozialismus, aus der er an dem Tag austrat, an dem die Organisation beschloss, Chávez zu unterstützen), ehemaliger Guerrilla-Kämpfer und politischer Gefangener mit zwei filmreifen Ausbrüchen aus dem Gefängnis, heute Herausgeber einer Zeitung und einer der scharfsinnigsten politischen Beobachter Venezuelas.
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letzte Änderung: 15.12.2008


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