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surF - Liberales im Netz Nr. 44 | 30. September 2009

Die meisten Deutschen denken heute mit Freude an den 30. September 1989 zurück, als Hans-Dietrich Genscher den Prager Botschaftsflüchtlingen die Freiheit versprechen konnte. Für viele aber ist dieser Tag noch 20 Jahre später scheinbar ein Stachel im Fleisch…

Prag - der 30. September 1989 beim ZDF
Prag - der 30. September 1989 beim ZDF
Geht es nach der Sichtweise des "Neues Deutschland", so waren wir angesichts der Botschaftsflüchtlinge alle zusammen einer grandiosen optischen Täuschung erlegen – den Botschaftsflüchtlingen ging es nämlich nicht um Freiheit, sondern durch die Bank um nichts anderes als den schnöden Mammon: "Die Bilder der Flüchtenden, die um die Welt gingen, (…) sind Bilder, wie man sie aus Krisengebieten kennt, wo Menschen um ihr Leben fürchten. Das jedoch taten die DDR-Bürger nicht, die sich auf diese Weise die Ausreise verschaffen wollten. Sie waren – in heutiger Terminologie beschrieben – 'Wirtschaftsflüchtlinge', (…) dies machten sie Wochen später bei Demonstrationen in Dresden oder Leipzig auch deutlich: 'Kommt die D-Mark, bleiben wir – kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr«, konnte man auf Transparenten lesen.'"

Wen es angesichts dieser historischen Lesart schaudert, für den hält das Internet ein wahres Gruselkabinett bereit. Vorneweg die Publikation "Rotfuchs" des gleichnamigen Vereins, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, "seine Mitglieder und Freunde auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Sozialismus politisch zu bilden."

Rotfuchs verweist zum Beispiel stolz auf die Überlegenheit der DDR-Verfassung von 1968 ("per Volksentscheid beschlossen"!) im Kontrast zum provisorischen Grundgesetz. Der Bundesbürger im Jahr 2009 wüsste sehr wohl die Überlegenheit des Sozialismus zu schätzen, wenn er nicht Opfer kapitalistischer Propaganda wäre. Denn "Filmische Pseudodokumentationen und 'Unterhaltungsstreifen' werden wie zu Zeiten der Goebbelsschen Reichsfilmkammer generalstabsmäßig produziert (Das Leben der Anderen, Die Frau vom Checkpoint Charlie u. a.)." Das aktuelle Rotfuchs-Heft hält im Übrigen auch einige Militaria-angehauchte Texte vor ("Offizier in der Matrosenbluse", "Die Waffen des Albert Nussbaum - Ein Kommunist, der SPD-Genossen am Karabiner ausbildete") – für alle, die schon alle Landser-Folgen durchhaben.

Herzlich willkommen!
Herzlich willkommen!
Rotfuchs-Leser, also die mit dem klaren Blick auf die Überlegenheit des Sozialismus, trafen sich am vergangenen Samstag im Gebäude des ND und feierten den 60. Gründungstag der DDR. Tags darauf gab es den bundesweiten Durchbruch der befreundeten inzwischen mehrfach umbenannten Partei zu bejubeln. Im gleichen Gebäude bietet die Rosa-Luxemburg-Stiftung reichlich Gelegenheit zur Vergangenheitsbewältigung mit Experten, die unvoreingenommen aus der Geschichte der DDR zu berichten vermögen: Egon Krenz zum Beispiel oder Hans Modrow, der gerne mal "zu einem Club ehemaliger Staatssicherheitsdienstler spricht oder in Zirkeln früherer NVA-Offiziere".

Rotfuchs-Bildung jedenfalls funktioniert: "Die freiheitssüchtigen DDRler wollten um jeden Preis den Kapitalismus kennenlernen. Doch wer nicht hören will, der muss fühlen", heißt es begeistert in einem Leserbrief.

Philosophie der Freiheit - jetzt auch in deutscher Sprache
Philosophie der Freiheit - jetzt auch in deutscher Sprache
Vermutlich zum Missfallen der Anhänger der DDR-Verfassung von 1968, in welcher die führenden Rolle der heutigen 12-Prozent-Partei gleich in Artikel 1 festgeschrieben wurde, will sich bei den Liberalen derlei Ansinnen nicht einstellen. Sie wollen partout nicht Staatspartei werden und versuchen es weiter mit Argumenten, manchmal so einfach verpackt, dass es auch jenen einleuchten müsste, die bis heute glauben, dass der Mensch dem Staat gehört...
letzte Änderung: 29.09.2009


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