Jena: Rede zur Freiheit von Freya Klier
Die Rede zur Freiheit von Freya Klier, die Begrüßung durch Peter Röhlinger und das Schlusswort von Wolfgang Gerhardt können Sie hier als Video abrufen.
Wolfgang Gerhardt, Peter Röhlinger, Freya Klier, Rolf Berndt „Die DDR-Vergangenheit“, so Freya Klier, „schrumpft für viele allmählich zu einem Glas Spreewaldgurken.“ Diese Äußerung der früheren DDR-Bürgerrechtlerin ist schon viele Wochen alt. Jetzt, kurz bevor sie in Jena auf Einladung der Stiftung eine Rede zur Freiheit hielt, wollte es der Zufall, dass eine Studie veröffentlicht wurde, die wissenschaftlich untermauert, was Klier angedeutet hatte: Das Wissen über die DDR ist vor allem bei jungen Menschen gerade einmal rudimentär vorhanden, bei vielen Schülerinnen und Schülern, gleich ob in Berlin oder Nordrhein-Westfalen, herrscht sogar das Bild eines Landes vor, das man schon fast als Idyll bezeichnen könnte.

Peter Röhlinger Vorstandsmitglied Peter Röhlinger, lange Jahre Oberbürgermeister von Jena, begrüßte deshalb nicht von ungefähr besonders die jüngeren Gäste der Veranstaltung, die – aus welchen Gründen auch immer – von Schule und Medien ein sehr geschöntes Bild der DDR gezeichnet bekommen und nun von Freya Klier erfahren sollten, wie sich junge Menschen in der DDR auflehnten, Zivilcourage und Mut bewiesen und wie sie dafür bezahlen mussten. Röhlinger begrüßte ausdrücklich aber auch jene, die von der Entwicklung nach der Wende enttäuscht seien und trotzdem bereit dazu, sich der Aufarbeitung der Vergangenheit zu stellen.
Freya Klier führte ihre Zuhörer zu Beginn der Rede 20 Jahre zurück: „1987 fuhr ich mit Stephan Krawczyk nach Thüringen: Wir steuerten Jena an, Erfurt und Gera. Beide hatten wir seit zwei Jahren Berufsverbot – ich als Theaterregisseurin, mein Mann Stephan Krawczyk als Liedermacher. Das Berufsverbot war 1985 mit der Aufforderung einhergegangen, das Land zu verlassen. Wir hatten abgelehnt.“

Freya Klier in der Aula der Universität zu Jena Sie schilderte, wie man als freie Theatergruppe unter der schützenden Hand der Kirche ohne Zensur und staatliche Gängelei auftreten konnte und wie schnell die Staatsmacht wieder Zugriff auf diesen Freiheitsraum zu erlangen versuchte. In ihrem Tagebuch Abreißkalender notierte sie 1987:
„7.-9.Mai. Auftritte in den Kirchen von Jena, Erfurt und Gera.
Gysi, oberster SED-Chef für Kirchenfragen, hat, so erfahren wir, die Bischöfe Thüringens persönlich zur Absage unserer Auftritte aufgefordert.“
Klier schilderte die Mühen und Risiken, die man auf sich nahm, um an verbotene Bücher zu kommen und sie weiter zu geben, um Kontakt zwischen Oppositionellen zu halten. Und sie hob die besondere Rolle hervor, die Jena in diesem Umfeld spielte: „Es gab vor und nach dem Mauerbau in allen Teilen der DDR Widerstand - immer wieder fanden Frauen und Männer den Mut, aufzubegehren gegen staatliche Lüge und Unterdrückung. Doch nirgendwo war der Protest von einer solchen Dauer, wurde er von einer so großen Zahl junger Menschen getragen wie in der thüringischen Universitätsstadt Jena.“
Dabei war Opposition nicht nur politischer Widerstand, es war auch Freiheitsdrang, der sich seinen Weg bahnte, der Drang, selbst auszuwählen, welche Bücher man liest und welche Musik man hört. „Zu den Auftritten der landeseigenen Rock&Blues-Bands wird getrampt. Per Anhalter durch die Gegend fahren ist eine bei unangepassten DDR-Jugendlichen äußerst beliebte Daseinsform, weil hier Weg und Ziel auf wunderbare Weise zusammenfallen und in ein seltenes Gefühl von Freisein münden.“ Heute würde man das Lifestyle nennen. Damals war es vor allem hochriskant, denn „Polizei und Staatssicherheit stufen solche Jugendlichen, die sich auf die Piste machen, in die Feind-Kategorie ‚Tramper, Kunden, Fans’ ein.“Freya Klier schilderte das Leben der jungen Jenaer Oppositionellen, wie sie sich vernetzten und im Untergrund arbeiteten. Und wie 1976 aus der Wut über die Ausbürgerung Wolf Biermanns in den Räumen der Jungen Gemeinde eine Protestresolution entsteht, die 58 Unterzeichner findet. „Als sie“, die Unterzeichner, „in dieser Nacht zu Bett gehen, ahnen sie nichts von dem, was sich über ihren schlafenden Häuptern zusammenbraut: Unter ihnen befindet sich ein Stasi-Spitzel - eingeschleust in ihren Freundeskreis. Dieser trifft nach Mitternacht bei der Staatssicherheit ein, Kreisdienststelle Jena, um den Geheimdienst über die Unterschriftenaktion zu informieren... und über alle daran beteiligten Personen. Beim Ministerium für Staatssicherheit herrscht daraufhin Großalarm. Um 6 Uhr morgens beginnen die Verhaftungen.“





