Fußball und Fremdenfeindlichkeit in Polen und der Ukraine
Dr. Kerstin Zimmer
Der Frühling wird dieser Tage sehnlich
erwartet, doch am sehnlichsten von Fußball-Begeisterten aus ganz Europa, die
dem Anpfiff der Europa-Meisterschaft in Polen und der Ukraine entgegenfiebern.
Die Vorfreude auf Fußballereignisse wird jedoch regelmäßig durch die Frage
getrübt, wie man mit der gewaltbereiten Szene umgehen soll, die im Umfeld von
Fußballspielen die Möglichkeit zur Massenschlägerei nutzen. Über die Ausprägung
der Fußball- und Gewaltkultur in der Ukraine und Polen zu informieren, war das
Ziel der in Kooperation zwischen der
Friedrich-Naumann-Stiftung-für-die-Freiheit, der Karl-Hermann-Flach-Stiftung
und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde in
Frankfurt organisierten Veranstaltung.
Dr. Kerstin Zimmer vom Marburger Zentrum für Konfliktforschung erläuterte in ihrem Vortrag nicht nur, welche Faktoren bei der Vergabe der Meisterschaftsaustragung an Polen und die Ukraine eine Rolle gespielt hätten, sondern auch mit welchen Problemen im Rahmen der Austragung zu rechnen sei.
Im Mittelpunkt stand jedoch die Problematik der gewaltbereiten Ultras und Hooligans, die sich einerseits als "Anti-Establishment-Bewegung" gegen die jeweils spezifische Mehrheitsgesellschaft richten, aber auch als Auswüchse einer internationalen, gewaltbereiten Fankultur zu verstehen sind. Als Ausdruck der Provokation hat sich in Ost- wie Westeuropa die NS-Symbolik bewährt, die in Osteuropa durch den jahrzehntelangen staatlich verordneten und immer noch nachwirkenden Antifaschismus eine besondere Kraft entfaltet. Dabei erweist sich die Szene als äußerst heterogen: Teilweise wird die Symbolik nur zur Schau getragen, teilweise ist sie auch Ausdruck einer entsprechenden nationalistischen und rassistischen Gesinnung. Da sich Hooligans in der Ukraine vor allem aus jungen Männern der Unterschicht rekrutieren, ist beispielsweise eine Überlappung mit der rechtspopulistischen "Swoboda"- Partei festzustellen.
Die Gegenmaßnahmen in beiden Ländern wurden von Fr. Dr. Zimmer als vornehmlich repressiv bezeichnet. So werde nicht nur das Strafmaß für hooligantypische Verbrechen heraufgesetzt, sondern auch medienwirksam in beiden Ländern über Verhaftungen berichtet. Darüber hinaus würden Schnellverurteilungen, bei denen ein Richter per Videokonferenz ins Stadion geschaltet wird und sofort ein Urteil fällt, ermöglicht. Dies sei verfassungsrechtlich jedoch nicht unbedenklich und keine Lösung für Gewalt außerhalb der Stadien. Auch Zugangskontrollen und Stadionverbote würden in diesem Fall nur wenig bewirken.
Präventionsarbeit werde bislang vor allem in Polen betrieben, hauptsächlich jedoch von transnationalen Nichtregierungsorganisationen wie die UEFA, FARE und FSE, da der polnische Fußballverband durch Korruptionsskandale stark geschwächt ist. In der Ukraine werde wiederum beinahe ausschließlich auf Repression gesetzt, die bereits zu Sowjetzeiten zu einer Radikalisierung geführt habe. Kerstin Zimmer schloß ihren Vortrag mit der Beobachtung, daß die Maßnahmen aufgrund der laissez-faire Politik der Regierungen erst sehr spät eingesetzt hätten und auch sehr einseitig seien. Die Miliz sei zum Beispiel nicht geschult, deeskalierend auf verfeindete Gruppierungen einzuwirken. Die Repressionen seien aber wahrscheinlich ausreichend, um Ausschreitungen zumindest während der EM zu verhindern.
Patrick Walz




