surF - Liberales im Netz Nr. 155 | 01. Februar 2012
Pünktlich zum Kinostart von "Zettl", der neuen Komödie von Helmut Dietl, teilen der Filmemacher ("Schtonk", "Rossini") und Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre kräftig aus – der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekommt sein Fett weg.Beim ersten großen Spielfilm über die „Berliner Republik“ wollten weder das ZDF noch eine der vielen ARD-Anstalten bis hin zum regional betroffenen RBB mit von der Partie sein, geben die beiden im lesenswerten Tagesspiegel-Interview bekannt. "Es gab die abenteuerlichsten Ausreden dafür, dass es ihnen politisch offenbar unheimlich war. Politisch nicht korrekt. Zu gewagt", erklärt Dietl. Beim NDR zum Beispiel habe eine Redakteurin, die heute dort nicht mehr Redakteurin sei, das Buch gelesen und fand es angeblich menschenfeindlich und frauenverachtend. Thomas Bellut, der Programmdirektor und künftige Intendant des ZDF, habe das Drehbuch gelesen und dann gesagt: "Ich finde es toll! Aber ich kann das meinem Publikum nicht zumuten. Die Leute wollen so was Politisches nicht.“
Benjamin von Stuckrad-Barre pflichtet bei: "In den Entscheidungspositionen öffentlich-rechtlicher Sender sitzen Menschen, die sich für immens intelligent halten und einem nach der Lektüre des Drehbuchs sagen, dass es ihnen selbst sehr gefällt, aber dass sie ihr Publikum 'leider' für zu dumm halten. Es ist eine sagenhafte Publikumsverachtung."
Von Stuckrad-Barre weist auch darauf hin, dass der Film nicht nur eine Berlin-, sondern vor allem auch eine Polit-Satire ist: "Der von uns beschriebene, geografisch und kulturell bewusst eng umgrenzte Bezirk des Regierungsviertels stellt aber auch eine soziale Realität dar. Es ist die Bühne für das permanente Rollenspiel, die Überdrehtheit, Künstlichkeit, die Intrigen, das allseitige Hochhinauswollen." "Erbarmen mit den Politikern" habe Hans Magnus Enzensberger einst einen Essay überschrieben. Es sei tatsächlich der grauenvollste Beruf.
Ergänzend:
Kinotrailer "Zettl" u.a. mit Michael Bully Herbig, Ulrich Tukur, Dieter Hildebrandt, Senta Berger, Götz George und Harald Schmidt
"Erbarmen mit den Politikern" von Hans Magnus Enzensberger
"Auch Deutsche unter den Opfern" von Benjamin von Stuckrad-Barre (neben Spitzenpolitikern wie Frank-Walter Steinmeier, Cem Özdemir oder Guido Westerwelle trifft Stuckrad-Barre Menschen vom Schlage eines Hans Magnus Enzensberger, Dieter Hildebrandt oder Christoph Schlingensief)
Papas Staatskino ist tot – Hamburger Manifest von Klaus Lemke





