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surF - Liberales im Netz Nr. 153 | 18. Januar 2012

Die moralgetränkte öffentliche Debatte um Bundespräsident Wulff hat gleich mehrere Autoren veranlasst, sich mit der Debattenkultur in Deutschland und der Rolle der Intellektuellen zu befassen. surF stellt die Beiträge von Malte Lehming, Richard Wagner und Harald Martenstein vor.

 

"Eine beschädigte Nation braucht in regelmäßigen Abständen moralische Diskurse", findet Malte Lehming. Weil dieser Nation kein Wert selbstverständlich sei, müsse sie über zum Teil heftig geführte Normendebatten sich immer wieder neu ein Fundament geben. Dabei, so Lehming, "stehen die Anlässe nur selten in einem nachvollziehbaren Verhältnis zum Pegelstand der öffentlichen Erregung." Lehmings Beitrag Willkommen in der Hypermoralisierungsdebattenspirale ist im Tagesspiegel erschienen.

 

Richard Wagner schreibt den Intellektuellen in Deutschland ins Stammbuch: "Gesellschaftskritik ist […] nicht alles. Es genügt nicht, die Frage nach dem Bösen zu stellen, man muss sich auch des Guten versichern können, auf die Gefahr hin, sich selbst in Frage stellen zu müssen. Sonst wird der Dissident zum Moralapostel und der Provokateur zum Boulevardjournalisten." Moralisches Verhalten könne eingefordert, aber nicht eingeklagt werden. "Darüber wäre zu reden, will man wirklich vorankommen, und sich nicht bloß mit Facebook, Flashmob, Attac und Occupy wichtig machen", so Wagner in seinem Beitrag Vom Denker zum Publizisten oder Aus dem intellektuellen Chorleben.

 

Die Aufregung um den Bundespräsidenten hält Harald Martenstein dagegen für übertrieben. Thomas Gottschalk sei für die deutsche Identität eindeutig wichtiger als der Bundespräsident, er rede besser, sei politisch unabhängiger, packe mutiger heiße Eisen an und habe auch mehr Nutzwert. Martenstein erklärt folgerichtig in der ZEIT: "Mir dürft ihr den Job nicht anbieten. Ich will noch was erreichen".


Außerdem ein Lesetipp zum durch Wulff verdrängten Dauerthema Nr. 1: "Die Staatsschuldenkrise hat Europa fest im Griff", schreibt Norbert Berthold bei Wirtschaftliche Freiheit. "Die EWU ist aber nicht der einzige Brandherd. Mit Japan, den USA und Großbritannien leben drei wirtschaftliche Schwergewichte ebenfalls seit langem über ihre Verhältnisse. Die USA und Großbritannien haben sich seit der Finanzkrise bis über beide Ohren verschuldet." Der Gipfel der fiskalischen Unverfrorenheit sei allerdings Japan. "Dort werden schon seit über einem Jahrzehnt alle Regeln solider Haushaltspolitik gebrochen." Der Autor stellt die Frage: Japan, Großbritannien und die USA – ist Griechenland bald überall?

letzte Änderung: 17.01.2012


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