surF - Liberales im Netz Nr. 116 | 27. April 2011
Selten hat der Umfang der Medienbegleitung so wenig zu einem Ereignis gepasst wie an Ostern: Die Ostermärsche - welch militaristisches Vokabular - kleckerten vor sich hin, waren in den Nachrichten aber überall Top-Thema. Im Schatten der Märsche bildete sich eine neue Protestbewegung.Die richtete sich gegen das an vielen Orten geltende Tanzverbot am Karfreitag und brachte zum Beispiel in Frankfurt am Main als spontaner Flashmob etwa genau so viele Menschen auf die Straßen wie der dortige von langer Hand geplante Ostermarsch. Dabei hatte die auch von den Jungen Liberalen unterstützte Bewegung neben fehlender Vorberichterstattung auch noch das Handicap der monothematischen Ausrichtung – die traditionellen Ostermärsche konnten den Zulauf teils nur damit sichern, dass das eigentliche Thema "Abrüstung" extrem weit ausgelegt wurde - im ostbrandenburgischen Neutrebbin protestierten etwa 500 Menschen gegen das geplante Kohlendioxid-Lager unter der Erde. Phantasie hat die Ostermarschbewegung schon immer ausgezeichnet – jetzt ist wohl auch CO2-Verpressung eine Sache von Krieg und Frieden.
"Während in Libyen in der von Gaddafi belagerten Stadt Misrata die Menschen unter Dauerbeschuss stehen und in Syrien die Heckenschützen Assads mindestens 70 Demonstranten in Damaskus töteten", stellte Vera Lengsfeld in ihrer Betrachtung fest, "marschierten Berliner 'Friedensaktivisten' Seit an Seit mit den Anhängern der beiden Schlächter." Das bezog sie auf ein Transparent mit der Aufschrift "Stoppt die kriminelle Aggression gegen Libyen und vernichtet die Nato, nicht Muammar Gaddafi."
Immerhin – die Ostermärsche haben überlebt. Die im Vergleich zu den 80er-Jahren geringe Beteiligung erklärt sich vielleicht durch ein kleines Finanzierungsproblem, das der langjährige Sprecher des bundesweiten Ostermarschbüros in Frankfurt am Main, Willi van Ooyen, 1989 in der taz kundtat: "Durch die Entwicklung in der DDR ist eine entscheidende Finanzquelle überraschend versiegt."
Van Ooyen hielt seinerzeit Distanz zur systemkritischen DDR-Friedensbewegung, so die WELT: "Zu deren Gegnern, den SED-Genossen im anderen Deutschland, pflegte er hingegen vertrauensvolle Kontakte." Heute sitzt er für die Linkspartei "als Scheff von dit janze" im Hessischen Landtag. Selten übrigens findet man bei Parlamentariern einen biographiefreien Webauftritt - zufälligerweise bietet Herr v.O. ein Beispiel.
Doch derlei zusammengekratzte Details aus der Vergangenheit und Gegenwart interessieren Ostermarschierer nicht. Ein Demonstrant durfte in der Tagesschau das letzte Wort des Berichts beisteuern: "Wer Atomkraft jetzt noch für sicher hält, ist entweder dumm oder er lügt." Bei solcher Diskurskultur freut man sich direkt über den Anti-Tanzverbots-Flashmob in Frankfurt, der schweigend und ganz ohne Beschimpfung Andersdenkender einfach nur ein Stückchen Freiheit eingefordert hat:





