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surF - Liberales im Netz Nr. 85 | 01. September 2010

Sarrazin in aller Munde – sei es im Vorortzug oder in der Stammkneipe, in den Kommentarspalten der Zeitungen oder in hunderten von Blogs. Selten hat es ein Mann geschafft, eine Diskussion zu provozieren, der man sich – selbst wenn man möchte – nicht entziehen kann. Kein Wunder also, dass auch nahezu alle liberal gefärbten Blogs ein Ständchen für Sarrazin bereithalten.

"Thilo Sarrazin ist in die deutsche Kuscheldebattenlandschaft gepoltert wie ein besoffener Ire in eine Geburtstagsfeier der Queen", schreibt Thomas Eppinger, der im Gegensatz zu vielen Kommentatoren einräumt, das streitgegenständliche Buch noch nicht gelesen zu haben, bevor er sich dazu äußert. "Macht aber nichts, das haben die meisten anderen ja auch nicht." Nach Eppinger ist es falsch, die Debatte nur an Einwanderern festzumachen: "Wenn sich über 80% der Deutschen nach einer anderen Wirtschaftsordnung sehnen, wenn immer mehr Deutsche die DDR nicht einmal mehr für eine Diktatur halten, wenn entgegen jeder historischen Erfahrung dem Staat alles und dem Bürger nichts zugetraut wird, dann stellt sich nicht nur die Frage, ob die Muslime in Deutschland angekommen sind, sondern ob die Deutschen im Westen angekommen sind."

Die Freunde der offenen Gesellschaft werfen Sarrazin vor, von Populationsgenetik nicht viel zu verstehen ("So kann's gehen wenn man keine Ahnung hat und trotzdem nicht die Fresse hält."), aber auch Gruppierungen wie “Rechtspopulismus stoppen!”, aus einem "Panoptikum sozialistischer Überzeugungstäter der unterschiedlichsten Art" zu bestehen, das die "größten Unterstützer (ausländischer) Rassisten, Antisemiten, Frauenschinder und Klerikalfaschisten" versammle, "die hierzulande meistens aber auf der sozialen, pazifistischen und alternativen Flöte spielen".

Wie immer unterhaltsam der Zwischenruf von Harald Martenstein im Tagesspiegel, der in einem Punkt den Sarrazinkritikern widersprechen möchte, auch wenn er sich den "Vorwurf der menschenverachtenden Diskriminierung" einhandele: "Der Satz 'Kein Mensch wird dumm geboren' ist Unsinn, Gefasel und Politfolklore. Es gibt durchaus intelligente und unintelligente Menschen. In so manchem Oberstübchen lässt sich auch mit noch so viel Mühe kein Lichtlein entzünden, einige dieser Fälle sind mir sogar persönlich bekannt. Das Problem besteht nicht darin, zu sagen: 'Ein dummer Mensch.' Die Probleme beginnen erst dort, wo man ganze Menschengruppen zu geborenen Dummköpfen oder Intelligenzbestien erklärt."

Für Henryk M. Broder ist die aktuelle Debatte ein "Phänomen der Massenhysterie". Er könne sich an keinen Fall erinnern, dass sich sogar eine Kanzlerin zu einer Buchveröffentlichung geäußert hätte, und dann auch noch mit dem Satz, dieses Buch sei nicht hilfreich. Broder: "Wenn Sie jetzt anfangen, Bücher danach zu beurteilen, ob sie 'hilfreich' sind oder nicht, können Sie vermutlich 95 Prozent aller Bücher einstampfen." In Sachen unerwünschter Applaus aus der rechten Ecke rät Broder Sarrazin: "Die NPD ist einfach dagegen, dass Ausländer oder Fremde herkommen. Und diese Position kann man nicht teilen. Da müsste Thilo Sarrazin in der Tat ein klares Wort sagen, um sich dieser Freunde zu entledigen."

Vielversprechend ist die Ankündigung von Zettel, sich in einer Serie mit den Thesen Sarrazins auseinanderzusetzen, und zu zeigen, "was nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung von ihnen zu halten ist."

"Wenn es jemanden gibt, der sich über Sarrazin freuen kann, dann sind es seine Gegner", so lautet eine der fünf Thesen, die Rayson bei den Bissigen Liberalen ohne Gnade aufstellt. Sarrazin sei das politisch korrekte Opfer, mit dem man vielleicht auch gleich alles mit erledigen kann, was sich in der Nähe seiner Auffassung befindet. "Um den Selbstdarsteller ist es nicht schade, um das, was er aus einer möglichen sinnvollen Debatte gemacht hat, hingegen schon."

Bleibt nur zu hoffen, dass Dinge, die man schon kaum noch als Entgleisung bezeichnen kann, sich nicht wiederholen: Das “Bündnis gegen Rechts” garnierte seine Aufforderung zum Protest gegen die Buchvorstellung von Thilo Sarrazin mit einer Fotomontage. Sie zeigt Sarrazin in der Pose des von der “Bewegung 2. Juni” 1975 entführten CDU-Politikers Peter Lorenz.
letzte Änderung: 30.08.2010


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