surF - Liberales im Netz Nr. 77 | 23. Juni 2010
Auf der Suche nach einem neuen Bundespräsidenten wird immer wieder der Wunsch betont, das Staatsoberhaupt möge die Begabung haben, mit der Kraft des Wortes dem Land den Weg zu weisen. Eigentlich ist das völlig überflüssig……denn die Rede, die allumfassend die Probleme Deutschlands analysiert, einen gangbaren Weg in die Zukunft zeigt, das alles vorgetragen mit Gelassenheit und versetzt mit ironischen Seitenhieben, diese Rede gibt es schon. Sie ist 13 Jahre alt und wurde am 26. April 1997 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog gehalten.
Glücklicherweise sorgt das elektronische Zeitalter nicht nur für den dauerhaften Erhalt allerlei Unsinns, sondern auch dafür, dass Roman Herzogs Rede jederzeit abrufbar ist (als Video oder als Manuskript). 50 Minuten, die sich lohnen. Man schwankt beim Betrachten der Rede im Jahr 2010 zwischen einem Gefühl des Respekts Herzog gegenüber, weil er diese Rede auch heute nahezu unverändert halten könnte und damit trotzdem den Nagel auf den Kopf treffen würde und dem unguten Gefühl, dass sich dann wohl in den vergangenen 13 Jahren nicht viel geändert haben kann in Deutschland.
"Niemand darf von mir Patentrezepte erwarten", sagte Herzog. "Aber wenn ich versuche, mir Deutschland im Jahre 2020 vorzustellen, dann denke ich an ein Land, das sich von dem heutigen doch wesentlich unterscheidet. […]Wäre es nicht ein Ziel, eine Gesellschaft der Selbständigkeit anzustreben, in der der Einzelne mehr Verantwortung für sich und andere trägt, und in der er das nicht als Last, sondern als Chance begreift? Eine Gesellschaft, in der nicht alles vorgegeben ist, die Spielräume öffnet, in der auch dem, der Fehler macht, eine zweite Chance eingeräumt wird.
Eine Gesellschaft, in der Freiheit der zentrale Wert ist und in der Freiheit sich nicht nur durch die Chance auf materielle Zuwächse begründet."
Diskussionen in Deutschland seien "teils ideologisiert, teils idiotisiert", stellt Herzog fest und liefert eine detaillierte Beschreibung des politischen Betriebs, seiner Wechselwirkungen mit Verbänden, Medien und öffentlicher Meinung und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe einzig die Gabe, dies alles ironisch zu sehen, einen vorzeitigen Rücktritt Herzogs verhindert. Immerhin hatte Herzog nach einer Amtszeit genug, vielleicht aus den gleichen Gründen wie Horst Köhler.
Der bezog sich in seiner Antrittsrede am 23. Mai 2004 auf Herzogs „Ruck“-Rede: „Warum bekommen wir den Ruck noch immer nicht hin? Weil wir alle noch immer darauf warten, dass er passiert!“ Köhler hatte offenbar keine Lust mehr zu warten.
Unterdessen erfreut sich unsere Aufzeichnung der 3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor von Joachim Gauck hoher Abrufzahlen. Die Rede ist in der Tat eine Sternstunde, sie zeigt eine überzeugte liberale Grundeinstellung, gleichermaßen von Gefühl und Vernunft gespeist. Und auch angesichts der Worte von Joachim Gauck mag man schwanken, ob man sich den Rostocker als Bundespräsident wünscht oder ob man, aus voller Sympathie, ihm dieses Amt nicht doch lieber ersparen möchte…
3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor von Joachim Gauck als Manuskript
surF verabschiedet sich damit in eine kurze Sommerpause.





