surF - Liberales im Netz Nr. 68 | 14. April 2010
Kaum eine politische Entscheidung fällt heutzutage ohne die vorherige orakelartige Befragung so genannter Experten, kein Thema wird von den Medien ohne Experten-Interview abgehandelt. surF schlägt Hessens Landwirtschaftsministerin Lautenschläger jemanden vor, der sich mit Sodomie auskennt, die sie gerne wieder ins Strafgesetzbuch aufnehmen möchte. Doch dazu später mehr.
Expertenkommissionen gibt es zwar schon seit Jahr und Tag, doch war unter der Regierung Schröder eine auffällige Häufung festzustellen, was ihr den Vorwurf einbrachte, an "Kommissionitis" zu leiden. Nun ist es durchaus integer, Sach- und Fachverstand in politische Entscheidungsprozesse einzubinden, doch ungefährlich ist es nicht. Je nach Zusammensetzung solcher Gremien werden politisch wünschenswerte Ergebnisse geliefert, wer politisch bittere Pillen zu verabreichen hat, wird gut daran tun, sich die Notwendigkeit dafür von Experten bestätigen zu lassen.
"Die Besetzung der Kommissionen ist willkürlich, die Kommissionsmitglieder sind demokratisch nicht legitimiert und unterliegen keiner Kontrolle", kritisierte Peter Ramsauer dies vor zehn Jahren. "Die Zuständigkeiten werden verwischt, Verantwortung und Haftung bleiben unklar."
Noch lockerer als Politiker gehen Journalisten mit Experten um. Was auch immer passiert, die Schändung von Kindern, ein Anschlag in Tripolis, ein Wirbelsturm in North Dakota - geht die Eilmeldung in der Redaktion ein, greift der Chef vom Dienst in die oberste Schublade und holt die "Expertenliste" heraus. Viel recherchiert wird da im Regelfalle nicht, der auf der Liste an erster Stelle stehende Experte hat seinen Platz vor allem deshalb, weil er jene Fähigkeit besitzt, die in Radio und Fernsehen vor allem gefragt ist: Komplizierte Sachverhalte einfach und in Kürze erklären (und dafür eine verschwurbelte und langatmige Laudatio zu erhalten).
Nun ist dies bei vielen Fragestellungen schlicht unmöglich. Das coram publico festzustellen kostet aber jeden Experten seinen Platz auf der Expertenliste und damit auch Beachtung und Prominenz. Weshalb sich vielfach Experten im Geschäft halten, die davon profitieren, dass Experte kein geschützter Begriff ist.
So geistert Wolfgang Büser seit einer gefühlten Ewigkeit als Ratgeber in Rechts- und Verbraucherfragen durch die Medien, im Sat.1-Frühstücksfernsehen, dem Morgenmagazin und dem Mittagsmagazin von ARD und ZDF sowie den ZDF-Sendungen WISO und heute nacht ist oder war er tätig, bei Antenne Bayern, Hitradio FFH, Hit-Radio Antenne Niedersachsen sowie bei WDR 2, er schreibt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Doch nirgends findet sich ein Hinweis darauf, ob Büser Volljurist ist oder wenigstens ein juristisches Staatsexamen hat, was ihn als sach- und fachkundig ausweisen würde.
Der Vorsitzende des Weltklimarates Rajendra Kumar Pachauri ist Eisenbahningenieur und neuerdings Romancier. Er ist inzwischen höchst umstritten, da er weniger mit Expertise als mit politischem Kalkül aufwartet und wohl nicht umsonst den Titel "Nachrichtenmacher des Jahres" erhielt und dazu die Ernennung zum "Goodwill Ambassador"*.
Doch selbst Experten mit adäquater Ausbildung sind nicht vor Kritik gefeit. "Was Talkshowmacher am meisten fürchten, - die plötzliche Stille, in der keinem mehr was einfällt -, ist mit Pfeiffer an Bord unmöglich", warf Wolfgang Röhl im Stern dem omnipräsenten Kriminologen entgegen.
"Wissenschaftliche Debatten beschränken sich in aller Regel auf einen Austausch von Argumenten", schreibt Steffen Hentrich auf der Libertären Plattform, "Die Klimadebatte im Spiegel der Interessengruppen" beleuchtend. Dieser Merksatz gilt wohl umso weniger, je mehr die Debatte in der breiten Öffentlichkeit stattfindet.
surF jedenfalls kann der hessischen Landwirtschaftsministerin Silke Lautenschläger (CDU) einen Experten an die Hand geben, der sich mit Sodomie auskennt. Dass die Strafbarkeit von Sodomie 1969 abgeschafft wurde, hält Lautenschläger nämlich für einen Fehler. Man möchte es der Ministerin ersparen, vor weiteren Initiativen zum Thema im Eigenversuch zu experimentieren - das ist auch nicht nötig: Woody Allen hat das Thema bereits 1972 für seinen Film "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten" recherchiert und steht als Experte sicher gerne für Interviewanfragen von Maybrit Illner und Anne Will oder sogar als Vorsitzender einer noch zu gründenen "Hessischen Sodomie-Kommision" (Soko Daisy) zur Verfügung. Doch sehen Sie selbst...





