surF - Liberales im Netz Nr. 93 | 27. Oktober 2010
In memoriam Krake Paul
Dass früher alles besser war – diese Erkenntnis dürfte bestimmend für die Neigung der Menschen bestimmend sein, vor allem Negativ-Prognosen zu glauben. Der Prognose-Markt blüht – nach der Klimakatastrophe kommt jetzt (einmal mehr) der Krieg als Folge der Erderwärmung.
Das neue Buch des Militärhistorikers Gwynne Dyer heißt "Schlachtfeld Erde: Klimakriege im 21. Jahrhundert" und hat das Zeug zum Bestseller. "Die Schreckensbilder des 21. Jahrhunderts zeigt der Militärexperte Gwynne Dyer in apokalyptischen Szenen und an Hand erdrückender Fakten. In sieben Szenen- und Faktenkapiteln wird das 21. Jahrhundert besichtigt, dessen apokalyptische Bilder sich in unser Gedächtnis einbrennen", heißt es im Klappentext. Lebendig sind die Schilderungen unserer Zukunft, etwa für das Jahr 2044: "Venedig und andere Hafenstädte sind evakuiert. Die Nord-Europa-Union lässt auf Hungerflüchtlinge aus Nordafrika und Südeuropa schießen. Die militärische Lage im Indischen und Pazifischen Ozean spitzt sich weiter zu. China weitet den 'Nahrungsmittel-Krieg' aus."Nun machen die meisten Prognosen nichts anderes, als die Gegenwart fortzuschreiben – so, als ob es unerwartete Faktoren nie gegeben hätte. Um 1870 gab es in London eine Prognose, die ernst gemeint war und auf ernsthaften Berechnungen beruhte: Da der Droschkenverkehr so zunimmt, werden die Strassen von London in weniger als dreißig Jahren einen halben Meter hoch mit Pferdemist belegt und unpassierbar sein. "Dies mag ja rein rechnerisch gestimmt haben", sagt der Zukunftsphilosoph Andreas Giger, "aber dann kam das Auto — und alles kam anders. Die Zukunftsforschung ist im Wesentlichen eine Geschichte von Fehlprognosen."
"Der Seher wird vielleicht am tiefsten in die Zukunft schauen, wenn die Gegenwart beruhigt ist", schrieb Hans Carossa einmal – vielleicht erklärt dies die Inflation an Prognosen in einer Zeit, die viel besser ist, als sie gemalt wird – kaum jemand kann dies so gut belegen wie Hans Rosling:
"So wie Starbucks uns jeden Monat mit einem anderen 'Coffee Highlight' bei Laune hält, kredenzen uns die Massenmedien mittlerweile den Untergang des Monats", stellte Thea Dorn in ihrem Essay "Lust an der Apokalypse" fest, aber nirgends gibt man uns Mittel an die Hand, Prognosen systematisch auf ihren möglichen Wahrheitsgehalt zu prüfen.
Dabei ist dies gar nicht so schwer. Man muss sich, statt entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, nur die wichtigsten Fehlerquellen der Prognosewirtschaft vergegenwärtigen und mit dem jeweiligen Horroszenario abgleichen:
• Jüngere Werte werden überbewertet.
• Im Moment populäre oder vieldiskutierte Werte werden überbewertet.
• Scheinbare Muster werden erkannt, die jedoch empirisch nicht existent sind.
• Besondere Ereignisse bleiben im Gedächtnis, während normale schnell vergessen werden.
• Wunsch- oder Angstvorstellungen können in Prognosen einfließen.
Weitere Immunisierung erlangt man, indem man sich vor Augen hält, wer von welchen Prognosen profitiert. Das hat Tilman Achtnich mit seinem Film "Propheten und Moneten" getan (spannend wie ein Krimi). Darin heißt es: "Bevölkerungsprognosen waren schon immer Spielplatz der Eiferer und Schaumschläger und derer, die sich nicht scheuen, mit Zahlen Angst zu machen."
Am Ende bleibt nur die traurige Erkenntnis: Der einzige, der tatsächlich zuverlässig die Zukunft vorhersagen konnte, ist nun gestorben: der Krake Paul.
Alle Folgen von "Propheten und Moneten" finden Sie hier
Lesetipp: Die Schweinegrippe und die globale Angstindustrie von Frank Furedi





