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surF - Liberales im Netz Nr. 84 | 25. August 2010

"In Berlin findet zurzeit in Lehrer- und Klassenzimmern ein Kulturkampf zwischen Ost und West statt", schreibt die WELT und berichtet von einem Revival urtümlich-sozialistischer Zeremonien an Berliner Schulen wie jener, die sich einst "Kritik und Selbstkritik" nannte.

Der Autor zitiert einen Fall, bei dem der jugendliche Delinquent nach vorne bestellt wird: "Und nun", wird die Lehrerin zitiert, "erzählen wir Mehmet, warum wir keine Lügner in dieser Klasse wollen. Hände schießen nach oben. Das Kollektiv richtet - anstelle von Solidarität unter Schülern gibt es Kritik und Selbstkritik nach altbewährter Art."

Derlei gehe überwiegend von einem in der DDR sozialisierten und ausgebildeten Lehrkörper aus, der inzwischen durch Versetzungen auch an Schulen im Berliner Westen in Diensten stehe.

Heute sei diese Lehrerschaft, die bislang eher für brachiale Unkenntnis über die DDR bei Schülern in den Neuen Ländern verantwortlich gemacht wurde, "die Speerspitze eines Rollbacks der westlichen 'Kuschelpädagogik'. "Dabei entdecken Ur-Konservative und Ex-Kommunisten überraschende Übereinstimmungen", so ein West-Berliner Fachleiter für Geschichte: "Sie sind autoritär, misstrauen der Eigenverantwortlichkeit der Schüler, schielen auf den nächsten Vergleichstest, stellen Kontrolle vor Vertrauen."

"Kritik und Selbstkritik" war zwar ein Phänomen des Stalinismus, scheint aber doch in der DDR ganz gut überlebt zu haben. Doch nicht nur dort: Auch in westlichen K-Gruppen war dieses "der öffentlichen Beichte verwandte Ritual als Konzept gegenseitiger Überwachung unter Gleichen " durchaus verbreitet. „Wie ein jesuitisches Regime“ empfand ein KPD-Rekrut die Selbstkritikrituale, mit denen Abweichler bei der Stange gehalten werden sollten.

Mindestens ebenso interessant ist das Aufeinanderprallen von genuin linken Erziehungskonzepten Marke Ost und Marke West im Hinblick darauf, dass deren Vertreter nicht selten bei den Grünen zu finden sind, wo auch viele Mitglieder der alten K-Gruppen Unterschlupf gefunden haben.

Das ist schon alles recht verwirrend – aber zugleich typisch für die Zeit zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung. Wer vor zwanzig Jahren behauptet hätte, das Deutschland des Jahres 2010 würde sich mit Fragen wie "Kritik und Selbstkritik im Unterricht" beschäftigen oder ernsthaft die Frage diskutieren, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, dem hätte man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Vogel gezeigt. Gleiches gälte für die Prognose, 90 Prozent der Bundesbürger würden 2010 in einer Umfrage bekunden, ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu wollen, in dem soziale Gleichheit und der Vorrang staatlich definierter Ziele wie Umweltschutz oder Klimarettung vor der freien Entfaltung der Marktkräfte eine größere Rolle spielen als ökonomische Freiheiten.

So ist Deutschland, 20 Jahre nach der Wiedervereinigung. Man reibt sich die Augen und stellt fest – so etwas kann eigentlich nur noch mit den Mitteln der Satire verarbeitet werden, um es erträglich zu gestalten. Solange das noch geht (weil die Presse noch nicht "demokratisiert" ist)…
letzte Änderung: 25.08.2010


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