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surF - Liberales im Netz Nr. 74 | 02. Juni 2010

Nahezu die gesamte deutsche Medienlandschaft übt Kritik am Rücktritt des Staatsoberhaupts. Erstaunlicherweise steht dabei durchweg die Frage im Mittelpunkt, ob die schwarz-gelbe Koalition Horst Köhler nicht ausreichend unterstützt hat – der vom Bundespräsident selbst genannte Grund, nämlich über das Maß des Angemessene hinaus gehende Angriffe auf seine Person, wird in Interviews nicht angesprochen und von den wenigsten Kommentatoren abgehandelt.

Verständnis für seinen Schritt findet Köhler dagegen in einigen Blogs. "Horst Köhler ist beleidigt, nicht der Form halber, sondern zu Recht", schreibt etwa Wolf Lotter. "Das fällt nur deshalb als abweichendes Verhalten auf, weil es sich vom instrumentellen Beleidigtsein des politischen Establishments so angenehm unterscheidet."

Sozialdemokraten und Grüne wirft Lotter vor, "wissentlich und vorsätzlich die Öffentlichkeit manipuliert und betrogen" zu haben, als sie behaupteten, Köhler habe einem aus Wirtschaftsinteressen geführten Krieg Vorschub geleistet. "Wenn man derart rufgemordet wird, zumal in diesem Amt, darf man schon ein wenig angefressen sein."

Zu oft werden nach Ansicht Lotters öffentliche Diskussionen im Keim erstickt. Dabei brauche Deutschland Streit, "und zwar richtigen. Politisch unkorrekten Streit über die Frage der Zukunftsfähigkeit dieses Landes, einer neuen sozialen und politischen Ordnung, bei der erstarrte Interessensgruppen und Parteien samt trostlosem Zubehör von einer zivilcouragierten Öffentlichkeit ersetzt werden."

Horst Köhler beim Festakt zum Jubiläum der Stiftung in Bonn (2008)
Horst Köhler beim Festakt zum Jubiläum der Stiftung in Bonn (2008)
Für Zettel hat Köhler seine Entscheidung frei getroffen; er habe damit gezeigt, wie man sich verhalten kann, wenn man sich den so genannten Zwängen des politischen Geschäfts nicht unterworfen fühle. In Wahrheit gehe es den Kommentatoren überhaupt nicht um Horst Köhler, seine Amtsführung und seine Motive, sondern darum, "dass Köhler liberalkonservativ ist und dass er als Liberalkonservativer von der Kanzlerin vorgeschlagen und von der Bundesversammlung gewählt worden war."

"Handelswege in Afghanistan? Darauf muss man erst mal kommen", schreibt euckenserbe. "Köhler ist ein Opfer der deutschen Empörungsmaschinerie, in der kleinkarierte Politiker mit obskuren Deutungen die Schlagzeilen entern wollen und in 'Copy and Paste'-Journalisten ihre Multiplikatoren finden, die nicht einmal auf Plausibilität prüfen, was unter ihrem Mauszeiger als markiert erscheint."

"Im Zentrum liberalen Denkens steht ein Menschenbild, das jedem Menschen etwas zutraut – und deshalb etwas von ihm erwartet. Wir sind gefangen in unserer Unzulänglichkeit, sagt dieses Menschenbild, aber wir sind zur Freiheit begabt." Das sagte Horst Köhler beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit vor fast auf den Tag zwei Jahren. Vielleicht ist Horst Köhler am Ende auch über sein Weltbild gestolpert, das Ansprüche nicht nur an die Politik stellt, sondern auch an die Bürger formuliert.

letzte Änderung: 12.08.2010


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