surF - Liberales im Netz Nr. 64 | 10. März 2010
Neben der Hartz-IV-Debatte köchelt noch ein weiteres Thema vor sich hin, von dem viele meinen, eine breite gesellschaftliche Debatte sei längst überfällig: Manche titulieren es Technikfeindlichkeit, manche Ökologismus. Eine Kartoffel hat es wieder ins Blickfeld gerückt.Die Rede ist von Amflora, nach der Maissorte MON 810 die nunmehr zweite gentechnisch veränderte Pflanze, die in der EU angebaut werden darf. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat die Zulassung der Gentech-Kartoffel durch die Brüsseler EU-Kommission scharf kritisiert. Der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger erklärt, die Stärkekartoffel enthalte ein Resistenz-Gen gegen Antibiotika, darunter eines, das zu den wichtigsten Arzneimitteln gegen Tuberkulose gehöre. Die Übertragung dieses Resistenz-Gens auf Bakterien des Magen-Darm-Trakts sei nicht auszuschließen. Es gibt Biologen, die das für ausgemachten Unsinn halten, es gebe überhaupt keinen Beleg dafür, dass der Anbau von gentechnisch veränderten Kartoffeln jemals Schaden angerichtet hat oder dass er das tun könnte.
Aber, so Maxeiner und Miersch: "Die Protestbranche setzt alles daran, dass optimierte Pflanzensorten ein Schreckgespenst bleiben. Dabei leben wir tagtäglich mit Gentechnik. Würden alle Produkte gekennzeichnet, die solche Komponenten enthalten oder mithilfe von Genpflanzenfutter erzeugt wurden, trüge über die Hälfte der Lebensmittel in Deutschland einen Gentechnik-Stempel."
Professor Walter Krämer, bekannt durch Bestseller wie "So lügt man mit Statistik", machte schon vor Jahren in einem lesenswerten Aufsatz auf die Wirkungskette aufmerksam: "Politik macht Panik. Und Panik macht Politik." An vielen Beispielen, unter anderem BSE und Asbest, zeigt Krämer, wie politische Debatten mit dem Treibsatz der Panik im Rücken der Realität förmlich davon galoppieren. Dies wäre nicht tragisch, würde die Bekämpfung von Phantom-Gefahren nicht Ressourcen binden, mit denen handfeste Probleme gelöst werden könnten – ein Umstand, auf den in der aktuellen Klimadebatte vor allem Björn Lomborg hingewiesen hat.
Deshalb sind diese Fragen vor allem Kommunikationsfragen und Medienfragen, weil es ohne Medien keine Panik gibt und weil Medien an Panik verdienen – Verleger und Sender durch höhere Auflagen und Einschaltquoten, Journalisten durch das wohlige Gefühl, durch ihre Warnungen ein Stückchen der Welt gerettet zu haben. Auf Kosten von Aufrichtigkeit und Präzision.
Carl Weiss, einst ZDF-Korrespondent, spricht die Faszination des Journalismus offen aus – und zugleich das, was seine Tragik ist: "Die Oberflächlichkeit des Berufes, bei dem man nicht gezwungen ist, allzu sehr in die Tiefe zu gehen - und es reicht trotzdem."
Richter können sich derlei im Regelfall nicht leisten. So hat das Bundesverfassungsgericht in dieser Woche eine Verfassungsbeschwerde einer Bürgerin zurückgewiesen, die sich gegen den Teilchenbeschleuniger CERN wendete. In dieser Forschungseinrichtung könnten nach einer in der kernphysikalischen Wissenschaft diskutierten Theorie sogenannte Miniatur-Schwarze-Löcher erzeugt werden, war ihre Befürchtung.
Die Karlsruher Richter ließen sich davon nicht beeindrucken: "Für die Darlegung der Möglichkeit eines solchen Schadenseintritts genügt es insbesondere nicht, Warnungen auf ein generelles Misstrauen gegenüber physikalischen Gesetzen, also gegenüber theoretischen Aussagen der modernen Naturwissenschaft zu stützen. Praktisch vernünftige Zweifel setzen wenigstens die Auseinandersetzung mit Gegenbeispielen, also Widerlegungsversuchen der jeweiligen Aussagen voraus. Namentlich im Bereich der theoretisch weit fortgeschrittenen Naturwissenschaften erfordern vernünftige Zweifel zudem ein hinreichendes fachliches Argumentationsniveau."
Dieses "hinreichende fachliche Argumentationsniveau" würde man sich für die deutsche Medienlandschaft gerade in naturwissenschaftlichen Fragen – aber nicht nur dort – häufiger wünschen, eine Renaissance der Argumente. Der durchaus gut gemeinte Ansatz, komplizierte Sachverhalte allgemeinverständlich zu erklären, führt immer öfter dazu, dass, wo dies nicht gelingt, die Erklärung gänzlich unterlassen wird. "In den Medien haben es die Gegner wesentlich leichter, da ein plakatives irrationales Argument in wenigen Sekunden vorgebracht ist, während seine sachliche Widerlegung mindestens die zehnfache Zeit beansprucht", sagt der Biologe Johannes Bergler. Wertvolle Medien erkennt man daran, ob sie den nötigen Debatten die erforderliche Zeit und den erforderlichen Raum geben. Was auch für die Sozialstaatsdebatte gilt.





