surF - Liberales im Netz Nr. 54 | 09. Dezember 2009
"Wie oft ich in meinem Leben schon mit dem Vorwurf des 'Manchestertums' konfrontiert wurde, weiß ich selbst nicht", sagte Otto Graf Lambsdorff 2004 bei einer Veranstaltung des Liberalen Instituts in Potsdam und fuhr fort: "Es wird sich wohl um eine nach menschlichem Ermessen unzählbare Zahl handeln. Blicke ich zurück, so ist dabei das Seltsame, wie lange es dauerte bis man sich fragte, warum man diesen als Vorwurf gemeinten Begriff stets pflicht- und schuldbewusst hinnahm. Es muss sich um einen von Kindheit an systematisch anerzogener Reflex sein."Die Aktualität von „Manchester“: Freiheit und Freihandel als soziale Politik
Verlegen war Otto Graf Lambsdorff nie, wenn es darum ging, klare Worte auszusprechen. Von zu unrecht negativ besetzten Begriffen setzte er sich nicht ab, er erklärte sie, wie oben am Beispiel des "Manchestertums". Umgekehrt galt das genau so. Markigen Etiketten, die im Zusammenhang mit dem "Aufbau Ost" vergeben wurden, stand er kritisch gegenüber. Ebenfalls im Jahre 2004 sagte Graf Lambsdorff anlässlich der Verleihung der Hayek-Medaille in der Aula der Albert Ludwigs Universität zu Freiburg: "Mit Brutto-Transfers in Höhe von 1250 Mrd. Euro ist von der Förderung „industrieller Kerne“ bis zur neuen Förderung der „Wachstumskerne“ und „Leuchttürme“ im Osten fast alles versucht worden, was „die Wirtschaftspolitik der Experimente“ heute zu bieten hat. Aber auf eine „Verfassung der Freiheit“, auf eine „Ordnung in Freiheit“ im Sinne des Freiburger Imperativs, warten die Deutschen noch heute, vor allem in Ostdeutschland."
„Ein ordnungspolitischer Aufbruch für Deutschland“
Gerade diese Ausführungen stehen im Zusammenhang mit dem Papier, das so häufig wie kein anderes in diesen Tagen zitiert wird – das so genannte "Wendepapier". "Die guten Früchte von Lambsdorffs Wende", analysierte Horst Werner 2007, "wurden mit der deutschen Einheit eingefahren: Man braucht nicht viel Phantasie, um zu erkennen, wie viel schwerer als ohnehin die gewaltigen Strukturprobleme der Umstellung von einer längst maroden Staatswirtschaft auf die Marktwirtschaft gefallen wären, wenn die Bundesrepublik nicht die sieben Lambsdorff-Wende-Jahre hinter sich gehabt hätte."
Bilanz: 25 Jahre Lambsdorffs „Wendepapier“
Und wer weiß, wo die Bundesrepublik heute in der Debatte um die Alterssicherung stünde, hätte man sich früher schon auf den Weg einer verstärkten Mitarbeiterbeteiligung am Produktivvermögen geeinigt. Otto Graf Lambsdorffs Schrift "Vermögenspolitik und Beteiligungskapital in der Bürgergesellschaft“ stützt klare politische Schlussfolgerungen auf sorgfältige Analyse des empirischen Befunds zur Vermögensbildung in Deutschland.
"Vermögenspolitik und Beteiligungskapital in der Bürgergesellschaft“
"Was wird aus Ihrem Vermächtnis, was kann erwachsen aus diesem langen politischen Leben des Liberalen Otto Graf Lambsdorff?", fragte anlässlich des 80. Geburtstags von Otto Graf Lambsdorff der Laudator Klaus von Dohnanyi. "Welche Wirkung bleibt?". Seine Antwort mag viele überraschen, die Graf Lambsdorffs Wirken eher am Rande verfolgt haben und nicht wissen, wie sehr er für eine Reform des Föderalismus eintrat. "Sie haben, lieber Graf Lambsdorff, einen wesentlichen Anteil daran gehabt, dass dieses Thema des bis zur Unkenntlichkeit zerstörten deutschen Föderalismus auf die politische Tagesordnung gekommen ist. Es ist eben das zentrale Thema der Freiheit."
Dr. Klaus von Dohnanyi: Laudatio zum 80. Geburtstag von Otto Graf Lambsdorff
Jene Festveranstaltung stand unter dem Motto „Der Freiheit verpflichtet“. Für viele der weit über 500 Gäste ist dieser Montagabend im Januar 2007 wohl die letzte Gelegenheit gewesen, mit Otto Graf Lambsdorff zusammen zu sein.
Auswahl an Publikationen der Stiftung von und über Graf Lambsdorff





