surF - Liberales im Netz Nr. 139 | 12. Oktober 2011
"Wow! Ich bin 64 und es gibt Welten, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt." Dieses Zitat von Henryk M. Broder fiel nicht nach einem Besuch einer Okkultismusgruppe, nein. Broder war einfach nur in Freiburg, im Öko-Musterviertel Vauban. In Folge 4 (Guck mal, wie wir überleben!) konnte er die Bewohner dabei beobachten, wie man sich in eine bessere Welt hineinwohnt. Sein Reisepartner Hamed Abdel-Samad kommentierte die freiwillige Unterwerfung unter den ökologischen Lebensstil so: "Ich wusste immer: Die Deutschen sind zu allem fähig. Zivilisation habe ich immer mit Freiheit verbunden – jetzt klingt Zivilisation sehr einengend für mich."Dieses "Leben im permanenten Alarmzustand" (Broder) ist allerdings weit mehr als eine Modeerscheinung. Dirk Maxeiner weist auf das neue Buch "Wir sind jung und brauchen die Welt - wie die Generation Facebook den Planeten rettet" hin, wo von "Klimakämpfern" die Rede ist, die Landebahnen blockieren, Kohlezüge entführen und Kraftwerke oder Kohletransporte lahmlegen. "Sie bauen Solaranlagen, Windturbinen und Stadtgärten. Sie pflanzen Millionen Bäume und machen die Klimabewegung in 193 Ländern der Erde zur weltweiten politischen Kraft. Ihr Ziel ist nichts weniger als eine Revolution, an deren Ende die Rettung des Planeten steht." Maxeiner dazu: "Hilfe, die merken gar nicht, was sie da schreiben."

Carl Christian von Weizsäcker Vermutlich gilt das auch für den WBGU. Das ist der "Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen", der in seinem Hauptgutachten 2011 einen "Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation" fordert. Carl Christian von Weizsäcker setzt sich damit jetzt in der Frankfurter Allgemeine auseinander (Die Große Transformation: ein Luftballon) und findet, schon der Anspruch der Autoren sei irritierend, "hier als Erste in der Weltgeschichte eine Revolution auszurufen, die binnen zwanzig Jahren die Welt tiefer gehend verändern soll als alles, was zuvor selbst in hundert Jahren an Änderungen stattgefunden hat."
Von Weizsäcker stößt sich vor allem an der Linie des Gutachtens, das Prinzip der Volkssouveränität unter das Diktat der Nachhaltigkeit zu stellen: "Wir sprechen nicht eigentlich von Demokratie, wenn die Weisen des Landes (modern: die Wissenschaftler) das Ergebnis vorgeben und dann dem Volk mitteilen: 'Ihr dürft entscheiden - allerdings nur, solange ihr euch richtig entscheidet. Andernfalls müssen wir euch um des Gemeinwohls willen eure Mitsprache wieder wegnehmen.' Das Spielzeug 'Demokratie' wird dem Volk so lange überlassen, als es damit nicht Dinge tut, die es selbst oder andere gefährden.
Wer nur irgendwie mit der DDR zu schaffen hatte, den erinnert dies an die "Wissenschaftlichkeit des Sozialismus", die man bei ideologischen Abweichungen um die Ohren geschlagen bekam und die den Rahmen für 'Demokratie' bildete. Auch die Sprache des Gutachtens schmeckt nach Lehrbuch Marxismus-Leninismus. Kostprobe: "Die Einsetzung von Ombudsleuten mit Beschwerde- und Kontrollrechten sowie iterative entscheidungsnahe Deliberationsverfahren unter geeigneter Einbeziehung wissenschaftlichen Sachverstandes und der Laienexpertise komplettieren nach Ansicht des WBGU das prozedurale System klimaschutzrelevanter Entscheidungen durch die Verwaltung und den Gesetzgeber."
Eugen Richter hatte derlei 1893 im Reichstag kommentiert: "Wer wirklich von Wissenschaft durchdrungen ist, der spricht nicht immer davon, dem wissenschaftlich Gebildeten merkt man es an an der Klarheit seiner Darstellung, an der Folgerichtigkeit seiner Schlußfolgerungen."
Wer sich die abschließenden Forderungen des Gutachtens betrachtet, liest vor allem Forderungen wie "erhebliche zusätzliche Mittel für Forschung und Entwicklung", "Forschungsmittel für das zentrale Transformationsfeld Energie signifikant aufstocken", "bestehende Nachhaltigkeitsforschung deutlich aufstocken", " Umwelt- und Energieforschung stärker gewichten", "großes Bildungs- und Forschungsprogramm 'Partizipation an der Wissenschaft für die Transformation' auflegen" oder "Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungskapazitäten in weniger entwickelten Ländern verstärkt fördern".
Zusammengefasst: Die Gutachter wollen Macht und Geld.
Da sollte man sich an die Siedlung Vauban erinnern und das "kleinlaute Eingeständnis" der Freiburger, "dass ihr grünes Lebensgefühl auch deswegen prächtig gedeiht, weil andere für den finanziellen Zufluss sorgen."





