surF - Liberales im Netz Nr. 133 | 24. August 2011
Woher kommt es eigentlich, dass es permanent Feuilletonisten sind, die die politischen Debatten dominieren? Dies wird wohl ein Rätsel bleiben, vielleicht ist es einfach nur ihre Sprachkraft. Derzeit wird Frank Schirrmachers Kapitalismuskritik diskutiert.
Der Literaturwissenschaftler startet seinen Beitrag "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat" mit einer Betrachtung des konservativen Charles Moore im "Daily Telegraph": "Es hat mehr als dreißig Jahre gedauert, bis ich mir als Journalist diese Frage stelle, aber in dieser Woche spüre ich, dass ich sie stellen muss: Hat die Linke nicht am Ende recht?"
Dies im publizistischen Flagship-Store des deutschen Konservativismus zu lesen, das sei ungefähr so, als schriebe der Papst im "Osservatore Romano" einen Leitartikel "Warum ich glaube, dass die Atheisten doch recht haben und Jesus nur ein Hochstapler war," meint Christoph Ortner. Eine Sensation also.
Nur, viel mehr als eine Adaption von Moores Reflexionen auf deutsche Verhältnisse folgt bei Schirrmacher nicht, insbesondere nicht eine Befassung mit den Ursachen der gegenwärtigen Krisen, sondern eher das Bedauern, dass es der konservativen CDU nicht gelinge, für Konservative wie Schirrmacher etwas mehr konservative Identität zu stiften.
"In Deutschland konservativ sein heißt, sich eine vorglobalisierte Welt ohne dauernervöse und unverständliche Finanzmärkte herbeiwünschen", meint dazu Alexander Gutzmer. In diesem Sinne konservativ sei der klassische FAZ-Leser ebenso wie der Wähler der Partei namens "Die Linke".
Und ebenso wie Schirrmacher belässt es auch Jakob Augstein ("Gesellschaft vor der Kernschmelze") in seiner Kolumne dabei, Moores Frage "Hat die Linke nicht am Ende recht?" einer inneren Bundesdelegiertenversammlung gleich zu feiern, ohne seinen Lesern Moores Antwort darauf zu präsentieren, die Zettel dankenswerterweise übersetzt hat: "Der blinde Glauben der Linken an den Staat macht ihre Rezepte schlimmer als nutzlos. Aber der erste Schritt ist es, zu erkennen, wie viel Boden wir verloren haben, und dass nicht mehr viel Zeit bleibt, das wieder aufzuholen."
Die Freunde der offenen Gesellschaft meinen dazu, die Diskreditierung des Liberalismus entstehe gerade dann, "wenn selbst der FAZ-Herausgeber sich die Krisen-Ursachenerklärung der Linken zu eigen macht, die uns alle glauben lassen will, es handele sich um Marktversagen und nicht um das Ende der Interventionsspirale."
Am Ende verwundert dies jedoch nicht, solange genuin volkswirtschaftliche und politische Debatten von Literaturwissenschaftlern beherrscht werden und im Fernsehen von Redakteuren der 3sat-Kulturzeit. Und so denkt man voller Wehmut an die Zeiten zurück, als man die FAZ aufblätterte und etwas von Johannes Gross lesen konnte. Gross vermied es, wortreich Teil des Zeitgeistes zu werden. Er markierte ihn lieber kurz und treffend: "Kleine Leute befürchten immer das Schlimmste. Die Intellektuellen darunter befürchten zudem, dass es nicht eintrifft."





