surF - Liberales im Netz Nr. 104 | 02. Februar 2011
Wenn man auf der Straße seiner Gedanken auf dem Weg zu einem Text so entlangschlendert, dann liegen am Wegesrand manchmal Dinge, die man aufhebt, obwohl man weiß, dass man es nicht sollte. Zum Beispiel einen "Cicero", der mal den Ruf hatte, liberal zu sein.

Hinter der Welt oder hinter dem Wald?
Dort wird das Fehlen einer Frauenquote als "Hinterweltlertum" bezeichnet, was sicher bald korrigiert wird, falls nicht damit - was unwahrscheinlich ist - ein Wortspiel Nietzsches aufgegriffen wurde (Abb. li. zum Beleg). Dort wird "jahrelanger Stillstand an der Gleichberechtigungsfront" beklagt. Dabei zeigen Studien, so heißt es, "dass Unternehmen mit einem signifikanten Frauenanteil im Topmanagement bessere Betriebergebnisse erzielen als die Konkurrenz." In den Augen der Autorin Grund genug, Unternehmen per Gesetz mit mehr Frauen in den Führungsetagen auszustatten. Dem verweigere sich die FDP, ein Akt wider die Vernunft – immerhin nicht wieder sie.
Welche Gründe die FDP dafür haben könnte, wird nicht näher reflektiert. Eigentlich müsste sie ja unter diesen Voraussetzungen für die Quote sein, denn bekanntermaßen liegt der FDP nichts so sehr am Herzen wie gute Betriebsergebnisse, gilt sie doch allenthalben als Vertreterin hemmungsloser Profitgier mit ihrem herzlosen, eiskalten Neoliberalismus.
Bei der FDP weiß man aber auch, dass Unternehmer, die nach Geschlecht, Abstammung usw. des Bewerbers auswählen, statt nach Qualifikationen, "schnell ins Hintertreffen" geraten werden. "Wir werden weltweit im Wettbewerb nicht mithalten können, wenn in Deutschland weiter so viel Zeit bis zur Erkenntnis barer Selbstverständlichkeiten verbraucht wird", schreibt Wolfgang Gerhardt zur Benachteiligung von Frauen. Intelligente Lösungen, so Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, müssten die Familien- und Bildungspolitik genauso in den Blick nehmen wie Probleme in der Unternehmenskultur, zum Beispiel den Wettbewerb um möglichst lange Anwesenheit am Arbeitsplatz.
Da zeigt sich schon ein ganz grundsätzlicher Unterschied zu anderen Parteien. "Wir Grünen haben seit Jahren gute Erfahrungen mit einer Frauenquote
gemacht", sagte zum Beispiel die GAL-Spitzenkandidatin Anja Hajduk dem Abendblatt. Das mag ja sein. Es ist aber ein Unterschied, ob man sich eine Regelung selbst auferlegt oder gleich dem Rest der Republik.
Für Ralf Schuler, einer der wenigen Autoren, die in dieser Debatte etwas fundiertes beizutragen haben, ist die Geschlechter-Parität "eine gesellschaftliche Wunschvorstellung, die einer tiefen Sehnsucht nach Harmonie entspringt wie etwa auch die Vision einer sozialistischen Gemeinschaft weitgehend gleicher, friedfertiger und fleißiger Menschen." Und: "Man kann durchaus Quotierungen in allen möglichen Gesellschaftsbereichen einführen, nur sollte man sich immer klarmachen, dass man damit meist keinem realen Missstand abhilft, sondern eine gesellschaftspolitische Vision anstrebt." Oder, um es auf dem Punkt zu bringen: "Quotenregelungen sind eine Diskriminierung des Individuums zu Gunsten eines Kollektivs."
Wer derlei Visionen hat, möge nach einem Bonmot Helmut Schmidts zum Arzt gehen oder zumindest vorsichtig sein, sie allzu laut zu äußern.
Man macht sich jedenfalls leicht zum Gespött, wenn man den Quotenkampf wie der SPIEGEL übers Titelbild führt und zugleich in der Führungsetage mit 20 Männern und null Frauen aufwartet. In Sachen Frauenförderung eine ganz und gar hinterwäldlerische Bilanz.





