Russland und der Westen: Zukunftsfragen der internationalen Beziehungen

Rolf Berndt: Russland und Europa zwischen Bewunderung und Abgrenzung Die Friedrich-Naumann-Stiftung und die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde hatten für die zweitägige Konferenz in Berlin einen etwas anderen Ansatz gewählt – wie sich herausstellte, mit Erfolg: Nicht nur ausgewiesene Russland-Experten beteiligten sich mit Beiträgen - die „üblichen Verdächtigen“, wie es Rolf Berndt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung, in seiner Begrüßungsrede ausdrückte -, sondern auch ausgewiesene Experten anderer Fachbereiche stellten sich dem Thema. Das belebte die Diskussion.
Berndt nannte das Finden eines eigenen Platzes für die ehemalige Weltmacht einen „widerspruchsreichen Prozess“ – darin wurde er im Verlauf der Konferenz bestätigt und gerade die besonders variantenreiche Beleuchtung des Themas in den Panels zeigte, wie offen der Ausgang dieses Prozesses ist und bleibt. Grundsätzliche Fragen des Aufstiegs und Falls großer Mächte kamen ebenso zu Sprache wie auch Aspekte der Demographie und der Bildung, des Militärs und der Sicherheit sowie der derzeit besonders intensiv diskutierten Probleme der Energiepolitik.

Prof. Dr. Adam Rotfeld Die etwa 100 Gäste erhielten nach Rolf Berndts Begrüßungsrede erste, interessante Impulse zum Thema vom ehemaligen polnischen Außenminister Prof. Dr. Adam Rotfeld. Er beschrieb Russland als eine Nation, die auch viele Jahre nach dem Zusammenbruch des Sowjet-Kommunismus auf der Suche nach einem neuen staatlichen Konzept ist und sich nach wie vor in einer Phase tief greifenden Wandels und der Transformation befinde. Noch immer sei das System eher autokratisch denn demokratisch geprägt. Dem Feind des 20. Jahrhunderts, dem Westen und seiner liberalen Kultur, begegne Russland mit einer Mischung von Faszination und Misstrauen. Auf absehbare Zeit werde das Land jedenfalls nicht zu einer liberalen Demokratie werden. Erforderlich, so Rotfeld, sei es, als nächstes Rechtstaatlichkeit im Land zu etablieren. Diese Gemengelage sei für die EU eine Herausforderung, Russland gegenüber mit einer Stimme zu sprechen und eine eigene, den Gegebenheiten angepasste Strategie zu entwickeln.

Prof. Dr. Herfried Münkler Den Auftakt des zweiten Konferenztages machte ein bemerkenswerter Vortrag des Berliner Gelehrten Prof. Dr. Herfried Münkler unter dem Titel „Aufstieg und Fall großer Mächte. Elemente politischer Ordnung in den Internationalen Beziehungen“, in dem Fragen der Zyklizität der Macht von der Antike bis heute geschildert wurden. Politische, ökonomische, ideologische und demographische Elemente der Macht wurden beschrieben, der aktuelle Begriff der militärischen Asymmetrie eingebracht und so viel Stoff für die folgenden Panel-Diskussionen geliefert.

Prof. James M. Goldgeier (l.), Fjodor Lukjanov (r.) In der anschließenden Diskussionsrunde unter dem Titel „Der Wandel der internationalen Beziehungen und Russlands Rolle in der Welt“ griff der Akademische Direktor der Hertie School of Governance, Prof. Dr. Michael Zürn die Anregungen Münklers auf und konstatierte, die Macht sei zur heutigen Zeit asymmetrisch wie nie verteilt. Der Rang einer militärischen Supermacht komme derzeit einzig den USA zu, die sich andererseits im Rahmen internationaler Verträge und Organisationen durchaus in Macht begrenzende Bindungen begäben. Prof. James M. Goldgeier, Sicherheitsexperte aus Washington D.C. wies auf die zunehmend erstarkende wirtschaftliche Position Russlands hin, das er aufgrund vielfältiger, vor allem technologischer Abhängigkeiten aber nicht als Großmacht titulieren wollte.





