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Wo waren Sie in der Nacht, in der die Mauer fiel?

In Berlin oder im Ruhrgebiet? Zu Hause im Bett oder vor dem Fernseher? – Wo waren sie in der Nacht, in der die Mauer fiel? Die von Renatus Deckert herausgegebene Anthologie „Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989“ enthält 25 eigens für dieses Buch geschriebene, autobiographische Erinnerungstexte deutscher Gegenwartsautorinnen und -autoren: Marcel Beyer, Uwe Tellkamp, Annett Gröschner, Kerstin Hensel, Durs Grünbein, Katja Lange-Müller, Robert Menasse, Hans-Ulrich Treichel, Reinhard Jirgl und viele andere haben zu diesem Buch ihre persönlichen Erinnerungen an den 9. November 1989 beigetragen.

Die im Suhrkamp Verlag erschienene Textsammlung ist ein wichtiger, aufschlussreicher und nicht zuletzt unterhaltsamer Beitrag zum 20. Jahrestag des Mauerfalls – und zwar vor allem deshalb weil die Erzählungen in diesem Buch vor Augen führen, welche alles überdeckende Rolle die immer wieder gezeigten Fernsehbilder vom Checkpoint Charlie, von Trabbi-Kolonnen und von auf der Mauer vorm Brandenburger Tor stehenden Menschenmassen in unserem kulturelles Gedächtnis spielen: Woran erinnern wir uns tatsächlich? Und welche Erinnerungen meinen wir lediglich zu haben, weil im Fernsehen, in den Zeitungen, in Gesprächen die immer gleichen Bilder reproduziert werden und unsere eigenen Erinnerungen darunter verschüttet sind?

Die Frage des Herausgebers an die Autorinnen und Autoren, was sie in der Nacht vom 9. November 1989 erlebt haben, kam offenbar zur rechten Zeit und war genau richtig gestellt. Denn diese Frage förderte Erzählungen zu Tage, die sich einerseits tatsächlich alle auf die Nacht des Mauerfalls beziehen und andererseits nicht unterschiedlicher sein könnten. Es handelt sich um Geschichten, in denen Bochum ebenso eine Rolle spielt wie Bohnsdorf und eine Münchener Studenten-WG. Geschichten über die Staatssicherheit und über Erinnerungslücken. Geschichten, die von den Folgen der Marienkäferplage an der Ostsee im Sommer ’89 berichten und davon, dass manch einer in dieser bedeutsamen Nacht tatsächlich einfach nur geschlafen hat.

Es sind Geschichten, die den Leser vom ersten Text an in den Bann ziehen und vor Augen führen, dass die hundertfach reproduzierten Bilder von auf der Mauer tanzenden Menschen nur eine, al-lerdings sehr wirkungsmächtige Perspektive auf den Fall der Berliner Mauer darstellen. Die Auto-ren und Autorinnen, die sich an die ‚Mauernacht’ erinnern, zeigen mit ihren persönlichen Texten auf eindrucksvolle und vielfältige Weise, dass auch und vielleicht gerade jetzt – 20 Jahre später – den existierenden Bildern und Vorstellungen von Mauerfall und Wende neue und andere Bilder und Geschichten hinzugefügt werden können.

Rezension von Alexandra Wagner,
Promotionsstipendiatin


Über den Herausgeber: Renatus Deckert, geb. 1977 in Dresden, ist Essayist und Lyriker und der Herausgeber der Lyrikzeitschrift Lose Blätter (1997-2007) und der Anthologien Die Wüste Stadt. Sieben Dichter über Dresden (Insel Verlag, 2005) und Das erste Buch. Schriftsteller über ihr literarisches Debüt (Suhrkamp Verlag, 2007). Von 2004 bis 2007 war er Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Renatus Deckert (Hg.)
Die Nacht, in der die Mauer fiel. Schriftsteller erzählen vom 9. November 1989
Suhrkamp Verlag, 2009, 8,90 Euro

Foto: Karsten Thielker
letzte Änderung: 25.05.2009


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