Walther-Rathenau-Kolleg: "Freiheit und Vernunft"

Walther Rathenau (1867-1922)
Das Walther-Rathenau-Kolleg bewegt sich in der Zeit zurück. Um die Geschichte des Vernunftbegriffes nachzuzeichnen, in dessen Tradition sich auch der gegenwärtige politische Liberalismus zu stellen sucht, lesen die Stipendiaten des Kollegs zusammen mit Interessierten aus der Stiftung klassische Texte zum Verhältnis von Liberalismus und Vernunftdenken. Dabei machen sie auf der Zeitreise von der Gegenwart zurück in die Aufklärung dreimal Halt. Nachdem sich die Seminarteilnehmer im September mit dem Vernunftvorstellungen in den Werken von Horkheimer, Hayek und Habermas beschäftigten, standen mit Max Stirner und Friedrich Naumann während des letzten Seminars zwei Denker im Mittelpunkt, die auf den ersten Blick kaum etwas verbindet.
Wird Max Stirner im liberalen Spektrum als Vordenker des Anarchokapitalismus rezipiert, spaltet Friedrich Naumann die Gemüter. Für die einen ist er demokratischer Vermittler zwischen den Nationen und liberaler Ideengeber der Weimarer Verfassung, für die anderen ist er einer der nationalchauvinistischen Vordenker deutschen Expansionsstrebens. Sind dem Werk Naumanns verschiedene Texte zuzuordnen, deren Rahmen von der Monographie bis zur Propagandaschrift reicht, ordnet man Stirner dieses eine Buch zu, von dem die Meisten dann doch nur den Titel kennen: „Der Einzige und sein Eigentum“.
Nun kommt zwar jede Verkürzung nicht von ungefähr und enthält oft einen wahren Kern, dennoch tut man mit zu viel Vereinfachung beiden Autoren Unrecht. Stirners Begriff des Eigentums, der letztendlich nur auf Gewalt beruht, sowie seine bei aller Beschwörung blass bleibende Konzeption des Einzigen und seines Vereins sind für einen liberalen Gesellschaftsentwurf kaum anschlussfähig. Naumanns Werk hingegen umfasst Sinnvolleres als jene Stellen aus dem „Nationalsozialen Katechismus“, über die in den vergangenen Monaten gestritten wurde.
Es gab also genug Gründe, um sich beiden wieder zu nähern. Neben der Textexegese des Liberalismuskapitels aus Stirners „Einziger“ und Naumanns „Vaterland und Freiheit“ beschäftigten sich die Seminaristen mit der Geschichte des Liberalismus im 19. Jahrhundert, um den jeweiligen Text nicht losgelöst von der Realgeschichte zu behandeln. Hilfe bekam das Kolleg von PD Christian Jansen, der über die deutsche Nationsbildung zwischen 1848 und 1871 referierte. Wer die politische Krise und Selbstbehauptungsversuche des deutschen Bürgertums nach der misslungenen Revolution betrachtet, weiß anschließend auch woher die Wandlungen des Liberalismus kommen. Die Teilnehmer der Veranstaltung wissen es jetzt und laden alle Interessierten ein, beim nächsten Seminar im März mehr über Immanuel Kant und Moses Mendelssohn zu erfahren.
Christian Dietrich





