WTO im Widerstreit

Die Kurs-Teilnehmer Eine Premiere der besonderen Art war die Veranstaltung „Die WTO im Widerstreit zwischen Globalisierung und Regionalisierung“. Zum ersten Mal wurde ein Kurs der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft der Universität Bochum zusammen mit externen und fachfremden Teilnehmern in der Theodor-Heuss-Akademie durchgeführt.
Prof. Dieter Bender kam mit Assistenten und Studenten aus Bochum nach Gummersbach, um im Rahmen des Universitätsseminars Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Europäische Wirtschaft und Makroökonomik, ein offenes Blockseminar durchzuführen.
Trotz eines außergewöhnlich starken Wintereinruchs, der nicht nur das Bergische Land dick mit Schnees überzog, fanden fast alle Teilnehmer ihren Weg nach Gummersbach.
Über das gesamte Wochenende wurden alle Vorträge von Studenten, unter Verwendung von Powerpointpräsentationen, gehalten und die Inhalte mit den Teilnehmern diskutiert. Die beiden ersten Beiträge befassten sich mit dem Thema „Wachstumsstärken durch freien Welthandel“. Während der erste Vortrag die rein theoretische Untersuchung dieses Zusammenhangs präsentierte befasste sich der zweite mit den Ergebnissen aus der Empirie. Da dieser Einstieg gute volkswirtschaftliche Kenntnisse und ein hohes Maß an Abstraktionsvermögen voraussetzte stellte er besonders für die externen Teilnehmer eine Herausforderung dar.
Wesentlich diskussionsfreundlicher waren die Vortragsthemen der darauf folgenden Tage. So standen am Samstagvormittag die Expansion von Währungsräumen (Dollarisierung, und Euroisierung) und die Auswirkung der Globalisierung auf Entwicklungsländer auf dem Programm. Interessant war zu beobachten, dass sich für viele Entwicklungsländer die Frage nach den Auswirkungen der Globalisierung gar nicht zu stellen scheint, da sie nicht oder nur gering an ihr teilhaben und demnach kaum von ihr berührt sind. Dies hat zur Folge, dass Entwicklungsländer nicht von dem mit der Globalisierung verbundenen höheren Wachstums- und Wohlstandsniveau profitieren können.
Der Vortrag Handelsliberalisierung und Einkommensverteilung: Sind gering qualifizierte Arbeitskräfte die Verlierer der Globalisierung? zeigte, dass Theorie und Empirie zu widersprüchlichen Ergebnissen kommen können, die wiederum von der Methodenwahl abhängig sind. Auch wenn dies die eindeutige Beantwortung der Frage erschwerte ließ sich dennoch verallgemeinern, dass bei starren Löhnen, wie im Falle von Westeuropa, die Arbeitslosenrate steigt während bei flexiblen Löhnen, wie in den USA, bei fallendem Lohn keine Effekte auf die Arbeitslosenrate festzustellen sind.
Der Samstagnachmittag stand ganz im Zeichen der Doha-Agenda. In zwei Vorträgen wurde zunächst die Auswirkung einer Liberalisierung des internationalen Dienstleistungshandels und danach des Weltagrarhandels ausgearbeitet. Anhand zahlreicher Szenarien wurde in Modellen gezeigt, wie hoch die Wohlfahrtsverluste durch Zölle und andere Handelshemmnisse sind. Folgt man dem Ergebnis der Berechnungen, profitieren von einer völligen Beseitigung der Zölle und Handelshemmnisse alle Beteiligten, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß. Ergänzend hierzu wird festgestellt, dass eine erfolgreiche Liberalisierung des Agrarhandels über international kombinierte und abgestimmte Maßnahmen erfolgen sollte. Inwieweit das Erreichen dieses Ziels möglich ist hängt im Falle des Agrarmarkts momentan von der EU und damit letztlich von Frankreich ab. Darüber hinaus wird erwartet, dass an die Stelle der abgeschafften oder verminderten Handelshemmnisse andere Barrieren treten, so z.B. „Maßnahmen gesundheitspolizeilicher und pflanzenschutzrechtlicher Art“, nach dem SPS-Übereinkommen. Diese ließen sich aufgrund ihrer weiten Definition „sehr leicht anwenden“.
Dem Thema regionaler und multilateraler Handelsvereinbarung und der Expansion von Freihandelsräumen und Zollabkommen, widmete sich der letzte Veranstaltungstag. Hierbei war zu erfahren, dass fast jedes Land einer von mehreren Freihandelszonen angehört, was zur Folge hat, dass es ein scheinbar unübersichtliches Konstrukt von Handelsabkommen gibt, was auch das „Spaghetti-Bowl“ Phänomen genannt wird. Die hohe Zahl von Abkommen wird auch dadurch begünstigt, dass natürliche Handelsblöcke aufgrund gemeinsamer Grenzen, anderer industrieller Gemeinsamkeiten oder strategischer Interessen entstehen. Interessant war zu erfahren, dass die verwendeten theoretischen Modelle zur wirtschaftlichen Integration Probleme mit der Erklärung der Realität haben und z.B. im Falle der Dominotheorie exogene Schocks nicht erklären können. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die letzten Beiträge noch einmal die überwiegend positive Wirkung von Handelsliberalisierung belegt haben. Allerdings wurde auch festgestellt, dass die Möglichkeit der Blockbildung mit wohlfahrtsreduzierender Wirkung besteht. Die in unterschiedlicher Intensität geführten multilateralen Verhandlungen zur Handelsliberalisierung werden zwar fortgesetzt bleiben aber mühsam.
Ein herausragendes Charakteristikum der gesamten Veranstaltung war die hohe Qualität der Vorträge, von denen sich einige durch ein besonderes Maß an Professionalität auszeichneten. Dadurch waren auch die fachfremden Teilnehmer die meiste Zeit in der Lage sich rege an den Diskussionen zu beteiligen. Für das zweite Halbjahr 2006 ist eine weitere gemeinsame Veranstaltung geplant.
Wolfgang Müller
Theodor-Heuss-Akademie





