Vorschulische Bildung
Die frühe Sprachförderung gerade für Migranten-Kinder im vorschulischen Alter, eng gekoppelt mit Vermittlung englischer Sprachkompetenz für ihre Eltern, ist seit Jahrzehnten erklärtes Ziel kanadischer Bildungspolitik. Kanada bekennt sich als klassisches Einwanderungsland schon seit 1971 mit Stolz zu seiner multikulturellen Gesellschaft. Die Provinz Ontario und hier der Großraum Toronto nimmt seit Jahren die größte Zahl von Einwanderern auf. Jeder fünfte Einwohner Kanadas ist im Ausland geboren, im Großraum Toronto fast jeder zweite.
Dale Shuttleworth Kitas, Kindergärten und Schulen verstehen sich als zentrale Stelle der Integration. Sie sind Lernort für Kinder und Arbeitsort für Erzieher, bzw. Lehrer. Sie dienen aber auch der Kommunikation und Kooperation mit Eltern und außerschulischen Partnern, sind als "Community Center" Veranstaltungsort und Treffpunkt für alle Einwohner der Kommune. Schulen, Kindergärten und Kitas vermitteln allen Einwanderern (Kindern wie Eltern) eine klare Botschaft: Das Beherrschen der englischen Sprache in Wort und Schrift ist eine unabdingbare Grundkompetenz. Deshalb werden die Sprachkenntnisse regelmäßig überprüft und entsprechend notwendige Maßnahmen durch individuelle Förderung angeboten.
Das kanadische System der vorschulischen Bildung (die Präsentation finden Sie hier ) ist mit seinem Ansatz der Community Education Nukleus kanadischer Integrationspolitik. Es trägt, so Dale Shuttleworth, entscheidend dazu bei, dass Einwanderer – von der Gesellschaft angenommen – sich erfolgreich etablieren und ihre Kinder mit dem Schulabschluss gleiche Chancen wie in Kanada geborene haben. Die aufwendigen Bildungsinvestitionen seien aber immer von dem Konsens und Engagement politischer Entscheidungsträger abhängig.
Die Berliner Expertenrunde, moderiert von Mieke Senftleben MdA, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus Berlin, war sich einig, dass Toronto vor dem Hintergrund ähnlicher Probleme wie Berlin schon vor gut 40 Jahren die Bedeutung vorschulischer Bildung und Erziehung zur Integration von Migranten erkannt und gefördert habe. Deutschland beginne erst jetzt allmählich, dies zu akzeptieren und politisch zu handeln.
Shuttleworth, Baumann, Berry
(v.l.) Das Berliner Bildungsprogramm sei in Auftrag gegeben worden, so Gabriele Berry, Mitarbeiterin der Senatverwaltung für Bildung, Jugend und Sport, um die Chancengleichheit für Migrantenkinder zu erhöhen und ihre Eltern im Umfeld der Kitas einzubeziehen. Die Kostenfreiheit für das letzte Kita-Jahr ab 2007 sei ein wichtiger Schritt und gebe insbesondere Kindern mit Migrationshintergrund bessere Startchancen für ihre spätere schulische Laufbahn.
Dr. Christa Preissing, Internationale Akademie (INA) für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie an der FU Berlin, die im Auftrag der Senatsverwaltung für Bildung das Berliner Bildungsprogramm entwickelt hat, wies darauf hin, dass der Situationsansatz darauf ziele, die kulturellen Wurzeln der Kinder zu achten und ihren Horizont sukzessive zu erweitern. Integration könne aber nur gelingen, wenn Migrantenkinder und ihre Eltern das Gefühl hätten, sich zugehörig und wohl zu fühlen. Dazu gehöre auch, im täglichen Leben Gebrauch und Pflege der Herkunftssprache zuzulassen.
In INA-Kindergärten sei es Ziel, bei den Kindern die Lust auf ein Erlernen der deutschen Sprache zu wecken und eine Vertrauenssituation mit den Eltern aufzubauen. Annette Baumann, Leiterin des INA-Kindergartens Grüntalerstrasse, betonte, dass muttersprachige türkische Erzieherinnen dafür unverzichtbar seien. Der Gebrauch der Muttersprache werde im Kindergarten im Umgang mit den Eltern wie Kindern nicht ausgeschlossen, sondern gepflegt.
Für Dr. Mehmet Alpbek, Mitarbeiter des Arbeitskreises Neue Erziehung und Vorstandsmitglied des Türkischen Elternvereins Berlin-Brandenburg, ist es wichtig, dass Migranten ihre Herkunftsidentität bewahren und fördern. Es mache seines Erachtens wenig Sinn, an Migranteneltern zu appellieren, mit ihren Kindern Deutsch zu sprechen, da sie mehrheitlich ihren Kindern sprachlich kein Vorbild sein könnten. Wichtig sei es vielmehr, die Eltern zu informieren und zu sensibilisieren, sich für frühkindliche Bildung zu engagieren.
Auditorium Das Podium war sich zusammen mit dem engagierten Publikum, überwiegend Kita-Mitarbeiterinnen, einig, dass angesichts sinkender Schülerzahlen die Bildungshaushalte nicht gekürzt werden sollten. Freiwerdende Mittel sollten verstärkt in den Bereich vorschulische Bildung fließen, um Kitas langfristig kostenlos anbieten zu können. Auch müsse stärker in eine höhere Qualifikation der Erzieherinnen, in ihre bessere Fort- und Ausbildung investiert werden. Viele positive Reformansätze im Sinne einer Community Education gebe es bereits in einzelnen Kitas - so die Meinung vieler Erzieherinnen aus dem Publikum, sie würden nur zu wenig wahrgenommen.
Publikum und Podium forderten von der Politik, sich stärker finanziell im vorschulischen Bereich zu engagieren, um in der mulikulturellen Stadt Berlin eine lebenswerte Zukunft auch für Migranten zu sichern.
Monica Wolsky
Büro Berlin-Brandenburg




