Navigation

Zur Startseite

Inhalt

Vereinigte Arabische Emirate ‐ innovativer Föderalismus mit Vorbildcharakter?

An den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) scheiden sich die Geister. Der mediale Tenor über die Emirate und insbesondere Dubai bewegt sich zwischen „Übermorgenland“ auf der einen Seite und „Pleite‐Protz‐Scheichs“ (Bild-Zeitung) auf der anderen. Es scheint, als könne über den recht kleinen Staat am Golf nur in Extremen berichtet werden.

 

Waren gestern noch Prachtbauten wie der Burj Khalifa, die Palmeninsel und Dubais Skipiste im Gespräch und staunte man über die schier unerschöpflichen Öl‐ und Geldreserven der Emirate, so hat nach den Auswirkungen der Finanzkrise Tristesse und Untergangsstimmung Einzug gehalten. Doch was ist der Kern der VAE, was macht diese Föderation von sieben Emiraten mit sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen eigentlich aus und wie lassen sich abseits von medialen Superlativen realistische Erkenntnisse über ihr Sein und nicht nur ihren Schein gewinnen?

 

Diesen und weiteren Fragen widmete sich die Veranstaltung "Vereinigte Arabische Emirate ‐ innovativer Föderalismus mit Vorbildcharakter?" des Arbeitskreis Internationales der Stipendiaten in Gummersbach.

 

Bei sommerlichen, aber noch nicht emiratischen Temperaturen folgten die Teilnehmer zunächst einem Vortrag von Desiree McCourt, die über Kultur und Stammestraditionen in den Vereinigten Arabischen Emiraten referierte. McCourt, die als interkulturelle Beraterin für Unternehmen arbeitet, erläuterte die Grundlagen jener traditionellen, konservativen Kultur, die trotz rapider Modernisierung und einer Mehrheit von Ausländern sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch in der gesamten emiratischen Gesellschaft, nach wie vor maßgebend für die einheimische Bevölkerung ist, die die Führungsschicht des Landes stellt.

 

Dr. Neil Partrick von der London School of Economics stellte das politische System der VAE vor. Hier ging es neben der Geschichte und der Gründung der Emirate vor allem um das im Titel des Seminars erwähnte föderale System, das in der Region seines Gleichen sucht. Die VAE bestehen aus sieben Emiraten, die sich 1971 unter der Führung von Abu Dhabi zusammengeschlossen haben. Obwohl das Emirat Dubai in den Medien die größte Aufmerksamkeit geniest, liegt die größere Macht innerhalb der VAE in Abu Dhabi. Dies liegt daran, das Abu Dhabi das mit Abstand größte Emirat der VAE ist, in dem sich mehr als 90% der emiratischen Ölreserven, die die viertgrößten der Welt sind, befinden.

 

Daher stellt Abu Dhabi auch stets den Präsidenten der VAE, der formell vom National Supreme Council, der Zusammenkunft aller Emire der sieben Emirate gewählt wird. Die Führungsanspruch Abu Dhabis bringt allerdings auch einige Verpflichtungen mit sich, wie etwa einen emiratischen Länderfinanzausgleich, der gerade den kleineren Emiraten wie Ajman, Sharjah, Umm a‐Quwain, Fujairah und Ras al‐Khaimah zu Gute kommt. Zuletzt konnte aber auch Dubai von den sprudelnden Ölquellen Abu Dhabis profitieren, da der Nachbar bei Liquiditätsengpassen einsprang. Hieraus folgte auch die Umbenennung des größten Hochhauses der Welt, das ursprunglich Burj Dubai heisen sollte, in Burj Khalifa, nach dem Herrscher Abu Dhabis Khalifa Bin Zayed al‐Nahayan. Durch die Übermacht Abu Dhabis, so folgerte Partrick, könne man das föderale System der VAE auch als Abu‐Dhabisierung der restlichen Emirate interpretieren.

 

Das wirtschaftliche Modell und die Strategien der VAE erläuterte Martin Boll, seit drei Jahren Korrespondent von Germany Trade and Invest in Dubai, der sonst deutsche Unternehmer über Marktchancen in der gesamten Golfregion informiert. Hier zeigte Herr Boll sich ein gemischtes Bild. Natürlich haben Emirate wie Dubai derzeit Finanzierungsprobleme und der Immobilienmarkt liegt am Boden. Doch es werde oft übersehen, das sich insbesondere Dubai zu einer riesigen Drehscheibe für Handel und Dienstleistungen zwischen Europa und Asien etabliert hat.

 

Einer der größten Tiefseehafen der Welt, in Zukunft der größte Flughafen der Welt und eine optimale strategische Lage hatten die Emirate zu einem bevorzugten Standort für Unternehmen aus aller Welt werden lassen, die von dort die Markte des Nahen Ostens, Indien, Afrika und Zentralasiens bedienen können. Dies ist neben den Öleinnahmen das eigentliche Rückgrat der emiratischen Wirtschaft und konnte sich auch in der Wirtschaftskrise behaupten.

 

Basierend auf den gewonnen Erkenntnissen in kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Aspekten der Emirate, teilten sich die Teilnehmer in drei entsprechenden Arbeitsgruppen auf, um Zukunftschancen und Entwicklungen zu diskutieren und kritisch auszuwerten.

 

Am Sonntagmorgen schließlich berichtete der ehemalige Kulturmanager Dubais, Michael Schindhelm, von seinen Erfahrungen vor Ort, die er auch in seinem Buch "Dubai Speed" veröffentlich hat. Hierbei ging es nicht nur um Kulturprojekte wie das Opernhaus, das Herr Schindhelm als Leiter der Kulturbehörde aufbauen sollte, sondern auch um die kulturellen Eigenheiten einer mehrheitlich aus Expatriates bestehenden Gesellschaft. Schindhelm konstatierte, das sich in Dubai zwar alle Nationen der Welt treffen wurden, die Stadt aber kein Schmelztiegel sei, da die jeweiligen Ethnien unter sich blieben und zudem oftmals keine langfristige Perspektive in den Emiraten hatten, sondern nur für einige Jahre zum Arbeiten ins Land kamen. Ebenfalls kritisierte er, das kulturelle Projekte zu oft unter Vermarktungs‐ und Profitaspekten beurteilt wurden und der Eigenwert von Kultur damit verloren ginge.

 

In einer abschließenden Panel‐Diskussion untersuchten Martin Boll, Michael Schindhelm und Nadia Rinawi, Leiterin des Deutschlandbüros der Ras al‐Khaimah Free Zone Authority, die Perspektiven der Emirate auf den Gebieten Kultur, Wirtschaft und Politik. Frau Rinawi berichtete zudem von den Unterschieden zwischen den Emiraten aus dem Blickwinkel eines kleineren, aber aufstrebenden Emirates wie Ras al‐Khaimah im Norden der VAE.

 

Insgesamt konnten die Teilnehmer dank der hervorragenden Referenten einen ausgewogenen Einblick in die Vereinigten Arabischen Emirate erhalten. Durch die Krise ist das Übermorgenland zwar ins Hier und Jetzt zurückgeholt worden. Doch dies ist auch eine Chance zu einer moderateren Entwicklung, einer Besinnung auf die eigentlichen Starken der Emirate, abseits von Babel und Disneyland.

 

Clemens Recker

Seminarleiter

Stipendiat

letzte Änderung: 17.08.2010


Aktuelle Umfragen zur Bundestagswahl („Sonntagsfrage“), 06. Februar 2012

Realitätscheck für den Klimaschutz

Steuerwettbewerb in der Europäischen Union

Schaufenster Stiftung

Unsere Stipendiaten - das Video
Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit