Verantwortung, Freiheit und Wettbewerb

v.l.n.r.: P. Meinhardt, B. Huber, P. Altmiks (Mod.), H.-G. Petersen, U. Hommel, T. Holzer Unter dem Motto „Hochschulen im Wettbewerb – mehr Lehrqualität durch innovative Finanzierung“ trafen sich in Mannheim Experten aus Wissenschaft und Politik sowie bildungspolitisch Interessierte, um über die Zukunft des deutschen Hochschulsystems zu diskutieren. Die Krise der derzeitigen Bildungspolitik war allen Rednern der prominent besetzten Tagung bewusst; über Wege aus der Malaise debattierten die Teilnehmer jedoch kontrovers.
„Brain Gain“ statt „Brain Drain“

Rainer Brüderle Der stellvertretende FDP-Vorsitzende Rainer Brüderle hatte in einem Grußwort gefordert, den Trend vom „brain drain“, dem Abfluss von Intelligenz ins Ausland, in einen „brain gain“, den Zugewinn an Intelligenz, umzuwandeln. Dazu müsse die Politik die Prinzipien „Freiheit, Verantwortung und Wettbewerb“ auch im Bildungssystem implementieren und das Hochschulsystem verstärkt nachfrageorientiert gestalten. Ausdrücklich forderte er in diesem Zusammenhang einen „Bildungsmarkt“ – eine Aufgabe freilich, die angesichts des „Mehltaus“ der „Großen Koalition der Trippelschritte“ aktuell schwierig zu bewerkstelligen sei.
„Reflexartige Abwehrgefechte“

Axel Hoffmann Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung, Axel Hoffmann, verdeutlichte, was sich hinter Brüderles „Nachfrageorientierung“ und dem Titel der Veranstaltung „innovative Finanzierung“ verbarg – nämlich die Forderung nach so genannten „Studienentgelten“. „Eine verstärkte Serviceorientierung gegenüber Studierenden ist nur mit Hilfe von Finanzierungsmodellen zu realisieren, die Studierende an den Kosten beteiligen“, erläuterte er die erst vor wenigen Tagen beschlossenen Thesen der Friedrich-Naumann-Stiftung zur Hochschulfinanzierung. Hoffmann beklagte in seiner Rede, die beinahe „reflexartigen Abwehrgefechte“ gegen Studienentgelte. So hielten Gegner der Studienentgelte einen Eigenanteil von 83 Euro im Monat als Einstieg in Beschäftigung und ökonomische Unabhängigkeit für unannehmbar, während deutsche Jugendämter einen Taschengeldsatz von 50 EUR im Monat für 17-18jährige für angemessen hielten. Hoffmann kritisierte, die derzeitige Finanzierung der Hochschulen aus Mitteln der öffentlichen Haushalte sei „eine sozial ungerechte Umverteilung“ zulasten von Nichtakademikern. Nach Vorstellung der Friedrich-Naumann-Stiftung sollen die von ihr geforderten Studienentgelte auch nach Abschluss des Studiums entrichtetet werden können. Die Hochschulen müssten die Höhe der Studienentgelte frei festlegen und nach Studienfächern und Studienniveau differenzieren können. Daniel Guhr von der Wissenschaftsberatung Illuminate Consulting Group ergänzte, die Hochschulen würden bei diesem Prozess verstärkt ein eigenständiges Profil gewinnen.
„Perverse Umverteilung im Bildungssystem“

Professor Dr. Hans-Georg Petersen Der Finanzwissenschaftler Professor Hans-Georg-Petersen von der Universität Potsdam kritisierte, es werde ein wesentlich geringerer Teil des Bruttoinlandsprodukts in Bildung investiert als noch vor 30 Jahren und dieser Teil werde nicht effizient eingesetzt. Als Beleg für diese These nannte er die „hohen Abbrecherquoten“. Daher unterstütze er die Forderung der Friedrich-Naumann-Stiftung nach Studienentgelten. Der Mythos „das Studium ist umsonst“ habe zu einer „teilweise perversen Umverteilung im Bildungssystem geführt“. Petersen warnte allerdings davor, die Hochschulfinanzierung komplett auf „User pays“ umzustellen. Der Staat dürfe sich nicht aus der „Grundverantwortung“ zurückziehen. Ohne staatliche Investitionen müssten bestimmte Fachbereiche geschlossen werden, zumal das Studieninteresse an bestimmten Fächern auch kurzfristigen Schwankungen unterworfen und daher mit reinem „User pays“ keine mittel- und langfristige gesellschaftliche Konzeption möglich sei.
Die Frage der Generationengerechtigkeit
Ulrich Hommel, Rektor der European Business School und Professor für Unternehmensfinanzierung und Kapitalmärkte, unterstützte die Forderung nach Studienentgelten „aus eigener Erfahrung“. Allerdings seien die bisherigen Planungen der Länder nicht durchdacht, da „zu unflexibel“. Und er fügte hinzu: „Eine Höchstgrenze von 500 EUR im Jahr wie in Nordrhein-Westfalen ist zu gering. In NRW hätten daher alle Hochschulen angekündigt, sich an dieser Höchstgrenze zu orientieren. Dies werde und müsse sich weiter ausdifferenzieren.
Sein Kollege Professor Bernd Huber, Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hingegen lehnte ebenso wie Tilmann Holzer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mannheim, Studienentgelte ab. Sie verstärkten nicht nur die soziale Selektivität des Bildungssystems, sondern seien auch ungerecht gegenüber der nachwachsenden Generation, die aufgrund der leeren Renten- und Staatskassen ohnehin benachteiligt würden. Auch habe sich in Ländern, die Studienentgelte eingeführt hätten, gezeigt, dass parallel der staatliche Anteil jeweils zurückgegangen sei und so am Ende nicht mehr Mittel zur Verfügung stünden.
Petersen sah in Bildungsgutscheinmodellen, einen möglichen Kompromiss, um einerseits zu einer Nachfragesteuerung zu kommen und andererseits Bedenken der Gegner von Studienentgelten entgegenzutreten. Diese Bildungsgutscheine sollten in einigen Ländern im Wettbewerb mit Studienentgeltmodellen anderer Länder getestet werden, forderte er.
Bildungsfonds als Geschäftsidee

Axel Hoffmann und Rainer Brüderle Rolf Zipf, Vorstand der Career Concept AG, München, stellte die Geschäftsidee der „Bildungsfonds“ vor. Studierende können dabei Bildungskredite aufnehmen, die sie dann später im Berufsleben begleichen müssen, wenn sie dauerhaft über ein bestimmtes Einkommen verfügen. Dieses Konzept funktioniere auch ohne staatliche Hilfe. „Jedoch ist es schon merkwürdig, wenn der deutsche Fiskus, jahrelang Hollywoodproduktionen - dort als „stupid german money“ bezeichnet - über staatlich bezuschusste Medienfonds gefördert hat, während Bildungsfonds keine Unterstützung genießen“, bemängelte Zipf. Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Patrick Meinhardt beklagte ganz im Sinne von Zipf, in Deutschland würden „falsche Prioritäten“ gesetzt und zu viel in das Transfersystem und zu wenig in Bildung investiert. Und er regte an, im Sinne einer „Bildungsunternehmenskultur“ die Rahmenbedingungen für mehr privates Engagement – etwa durch eine radikale Änderung des Stiftungsrechts – zu verbessern. Meinhardt wird sich auch für eine Abschaffung der ZVS einsetzen, um die Hochschulen endlich auswählen zu lassen. Die FDP werde sich in Baden-Württemberg dafür einsetzen, den Staatsvertrag zu kündigen.
Informationen zum Kongress:
Thesen zur Hochschulfinanzierung
Weitergehende Informationen:
Bruce Chapman/Chris Ryan:
Auswirkungen einkommensabhängiger Studienentgelte auf den Hochschulzugang
Matthias Übelhör/Matthias Kussin:
Die Zukunft der Hochschule





