Problemlösung durch Schlagworte?
Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) hat vor Kurzem dem Sender N24 gegenüber erklärt (oder deklariert? oder dekretiert?): »Es gibt keine Schichten in Deutschland.« Menschen, die es schwerer hätten in der Gesellschaft, dürften nicht »abklassifiziert und deklassifiziert« werden. Jeder müsse dieselben Bildungschancen haben, unabhängig vom Einkommen der Eltern. Auch Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) lehnte den Begriff »Unterschicht« als stigmatisierend ab.Dass prominente Politiker einen solchen schauderhaften Unsinn von sich geben ist kaum zu glauben, leider ist es wahr.
Man möchte hoffen, dass Sozialwissenschaftler einen solchen Unsinn nicht unterstützen. Von einigen wird diese Hoffnung freilich nicht erfüllt, nämlich von denjenigen, die bei oder für TNS Infratest die Studie »Gesellschaft im Reformprozess« erstellt haben.
Ursprünglich wollte ich zu diesen Untersuchungsergebnissen inhaltlich Stellung nehmen. Ob die Bürgerinnen und Bürger eines Staates so oder anders wählen, wovon diese Entscheidungen abhängen und ob die einen oder die anderen für sich selbst eine ersprießliche Zukunft sehen, ist für jede politisch interessierte Person von Belang.
Aber die Untersuchung ist, jedenfalls in der vorliegenden Gestalt, so erheblich mit methodischen, einschließlich begrifflichen Problemen belastet, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung weitgehend sinnlos ist.
Die Untersuchung meidet weitgehend und auch absichtsvoll den Begriff »Unterschicht«. Auf S. 47 wird die Formulierung »eher Unterschicht« verwendet, auf S. 74 »untere Schicht«. In den Schaubildern auf den Seiten 89 und 91 wird die vertikale Dimension mit »niedrig - hoch« bezeichnet.
Die Studie ist möglicherweise vorwiegend als sprachpolitischer Beitrag zu verstehen: Sie soll versöhnen und befrieden.
Die Studie gibt vor, neun »Politische Typen« gefunden zu haben, nämlich
1. Die Leistungsindividualisten (11 % Anteil an der Wahlbevölkerung),
2. Die Etablierten Leistungsträger (15%),
3. Die Kritischen Bildungseliten (9%),
4. Das Engagierte Bürgertum (10%),
5. Die Zufriedenen Aufsteiger (13%),
6. Die Bedrohte Arbeitnehmermitte (16%),
7. Die Selbstgenügsamen Traditionalisten (11%),
8. Die Autoritätsorientierten Geringqualifizierten (7%),
9. Das Abgehängte Prekariat (8%).
Selbstverständlich sind diese »Politischen Typen« nicht das Ergebnis der Untersuchung, sondern liegen ihr zu Grunde.
Gleichzeitig fällt auf, dass gegen ein Prinzip der Typenbildung oder der Klassifizierung verstoßen wird.
Die Minimalanforderung an eine Typologie (Klassifizierung) lautet nämlich (nach Hempel und Oppenheim): Die Elemente einer Menge sollen vollständig ausgeschöpft werden und die Typen, Klassen oder Kategorien dürfen sich nicht überschneiden.
Die hier vorgestellte Typologie verstößt zu einem beträchtlichen Teil gegen die erste Minimalforderung, weil der Typus eines Engagierten Bürgertums logisch den Typus eines Nicht-Engagierten Bürgertums erfordert, weil die Existenz Zufriedener Aufsteiger die Existenz Unzufriedener Aufsteiger impliziert oder voraussetzt. Für Etablierte Leistungsträger, Kritische Bildungseliten, die Bedrohten Arbeitnehmermitte etc. gilt das Analoge.
Auch Nicht-Wissenschaftlern - mit einem allerdings basalen Denkvermögen - dürfte sogleich klar sein, dass man nicht sinnvollerweise von »Kleinwüchsigen Menschen« reden kann, wenn es nicht auch »Großwüchsige« gibt.
Geradezu ärgerlich ist der Neologismus »Abgehängtes Prekariat«. Er ist für Analysezwecke völlig belanglos. Mit seiner Hilfe werden sich keine Aussagen formulieren lassen, die Aussagen mit herkömmlichem Vokabular an empirischem Gehalt übertreffen. Und unter sprachpolitischen Gesichtspunkten ist er dem Begriff »Unterschicht« sicherlich nicht überlegen. Wer als »Prekarier« klassifiziert wird, kann sich sehr wohl stigmatisiert fühlen, vor Allem dann, wenn der Neologismus seinen Neuigkeits- und Überraschungswert eingebüßt hat und wenn sich herumgesprochen hat, dass damit Personen bezeichnet werden, die einen niedrigen sozialen Status innehaben, gesellschaftlichen Abstieg erleben, sehr häufig arbeitslos sind, nur über einfache Bildung verfügen, beruflich immobil sind, mit ihrem Beruf (so sie einen haben) stark unzufrieden sind, über geringes Einkommen verfügen, etc. Dass die neusprachlich so benannten Prekarier zum Einen der Idee des Sozialismus prinzipiell eher positiv gegenüber stehen, dass sie zum Anderen das größte Rechtswählerpotenzial darstellen und »die Demokratie seltener als beste Regierungsform« bezeichnen, wird ihren Eindruck, sie würden durch das Prekarier-Prädikat stigmatisiert, um kein Jota mindern.
Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) wird vielleicht demnächst erklären (oder deklarieren? oder dekretieren?) müssen: »Es gibt keine Prekarier in Deutschland.« Und Herr Kauder wird ihm wohl Recht geben.
Ob sich der Slogan »Prekarier aller (Bundes-)Länder, vereinigt euch!« durchsetzen wird, erscheint fraglich. Jedenfalls wird er von unserem Bundesarbeitsminister keinen Segen erhalten.
Resümierend stellen die Autoren fest: »Alles in allem zeigt sich das Bild einer Drei-Drittel-Gesellschaft«. Man muss zugeben: Diese Formel besitzt eine erhebliche rhetorische Griffigkeit, eine rasche Karriere durch die Medien darf prognostiziert werden. Aber zu Erkenntniszwecken ist sie völlig ungeeignet. Schon elementare Mathematikkenntnisse (nach Abschluss der Sekundarstufe I) sagen uns, dass wir jede Verteilung in Drittel zerlegen können, sei es nach Körpergröße, sei es nach Gewicht, sei es nach Einkommen. Dieser Satz ist an Trivialität nicht zu übertreffen. »Fünf-Fünftel-« oder »Sieben-Siebtel-Gesellschaft« wäre genau so einleuchtend.
Die Friedrich-Ebert-Stiftung trägt mit dieser von ihr in Auftrag gegebenen und finanzierten Studie nichts, aber auch gar nichts zu einer informativen Sozialberichterstattung bei. Und: Eine kausale Analyse fehlt völlig. Eine Politik, die dem Elend vieler Menschen hierzulande abhelfen könnte, ist auf der Grundlage solcher Pseudoforschung wohl nicht zu machen.
Dr. Horst Wolfgang Boger
Liberales Institut





