Navigation

Zur Startseite

Inhalt

Der unaufhaltsame Aufstieg der „Talkshow-Populisten“

oder: Schlechte Zeiten für den Qualitätsjournalismus?

3. Medienakademie der Friedrich-Naumann-Stiftung für junge Journalisten
Potsdam/Berlin, 28.-29. Oktober 2004


Vortrag von Uwe Vorkötter im Truman Haus
Vortrag von Uwe Vorkötter im Truman Haus
„Christiansen bestimmt die politische Agenda mehr als der Bundestag.“ Diese Aussage von CDU/CSU-Fraktionsvize Friedrich Merz schwebte förmlich über der diesjährigen Medienakademie der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam und Berlin.
Rund vierzig Nachwuchsjournalisten diskutierten zwei Tage lang mit hochkarätigen Referenten über Auswirkungen der Talkshowkultur auf die Medienlandschaft und über einen – tatsächlichen oder vermeintlichen - Qualitätsverfall in der politischen Berichterstattung.

Dr. Uwe Vorkötter, Chefredakteur Berliner Zeitung<br />
Dr. Uwe Vorkötter, Chefredakteur Berliner Zeitung
Dem Vorwurf, die Print-Medien seien "verflacht", widersprach gleich im Eingangsreferat der Chefredakteur der Berliner Zeitung und Träger des Karl-Hermann-Flach-Preises, Uwe Vorkötter: "Der starke Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt bringt uns günstige und qualitativ hochwertige Zeitungen (…) Die besten Tageszeitungen der Republik werden in Berlin gemacht, dem härtesten Zeitungsmarkt in Europa." Im Fernsehen gäbe es dagegen keinen vergleichbaren Qualitätswettbewerb. Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten sich dem Massengeschmack angepasst. Vorkötter sah in den Zeitungen auch keinen Trend zur „Boulevardisierung“. Nur weil die Bild-Zeitung gerade Ekelberichterstattung aus dem Dschungel-Camp mache, müßten normale Tageszeitungen nicht darauf einsteigen. "Das wollen unsere Leser von uns nicht", versicherte er. Bei Themen gäbe es keine Boulevardisierung, bei den Darstellungsformen könne man aber sicher viele Beispiele finden. Allerdings sei nicht alles, was mit Grafiken und kurzen Texten beschrieben ist, gleich Boulevard-Journalismus. "Die Bild-Zeitung hat damit angefangen, komplexe politische Themen verständlich und knapp aufzubereiten. Das ist ein toller Service", räumte Vorkötter ein. Auch in der Berliner Zeitung fände sich jetzt diese Art von "Nachhilfeunterricht" und "Volkshochschulberichterstattung", denn: "Wir dürfen den Leser nicht hilflos zurücklassen."
Vorkötter bestätigte den großen Kostendruck, der bei den Zeitungen herrsche: "Aber die Qualität sinkt nicht automatisch, nur weil ich mich prägnanter ausdrücken und kürzer fassen muss. Der Umfang der Tageszeitungen ist in den letzten drei Jahren um etwa zehn Prozent gesunken." Die Leser hätten diese Reduzierungen nicht kritisiert. "Die häufigsten Briefe beklagen formale und inhaltliche Fehler", so Vorkötter.

FDP/MdB Dirk Niebel (re.) und Michael Roick, Friedrich-Naumann-Stiftung
FDP/MdB Dirk Niebel (re.) und Michael Roick, Friedrich-Naumann-Stiftung
Viel oder wenig Politik in der Zeitung? Nur Negatives oder Personalquerelen? Diese "Gefühle" versucht das Bonner Unternehmen Medien Tenor seit 1994 zahlenmäßig zu erfassen. Medien Tenor ist ein international tätiges Institut, das kontinuierlich und umfassend klassische und neue Medien anhand eines wissenschaftlichen Kriterienkatalogs analysiert. Deren Arbeit stellte der Leiter des Politikressorts, Markus Rettig, vor. "Wir beobachten ein Set von nationalen und internationalen meinungsführenden Medien, indem die Eigenschaften relevanter Artikel codiert werden. So werden Aussage für Aussage z.B. nach handelnden Personen, Art der Wertung und Themen untersucht." Ergebnisse sind Studien zu unterschiedlichen Politikfeldern. Im Bundestagswahlkampf 1998 kam beispielsweise heraus, dass sich 81% der Pressemitteilungen der Parteien mit Sachthemen beschäftigten, aber nur 42% der Medienberichterstattung Sachthemen aufgriffen. In den letzten Jahren hat in den Medien die Regierung den Bundestag immer weiter verdrängt. Mittlerweile beschäftigen sich schon 90% (2004) der Beiträge nicht mehr mit dem Parlament. Aktuell arbeitet Medien Tenor an einer Studie zur Europaberichterstattung. "Wir wissen schon, dass in den Ländern die Wahlbeteiligung an der Europawahl größer war, in denen auch mehr über Europa in den Medien berichtet wurde."

Ernst Elitz, Intendant, DeutschlandRadio Berlin
Ernst Elitz, Intendant, DeutschlandRadio Berlin
Nach den Ursachen der Politikverdrossenheit suchten der Intendant des DeutschlandRadios Berlin, Ernst Elitz, und der FDP-Politiker Dirk Niebel, MdB. Niebel konstatierte weniger eine Politik - sondern vielmehr eine Politikerverdrossenheit: "Gerade die heutige Jugend ist sehr politisch." Grund für die Ablehung der "immer gleichen Köpfe" sei die steigende mediale Präsenz und die extreme Verkürzung der Inhalte. "Die Berichterstattung wird schlechter und das, was transportiert werden soll, bleibt oberflächlich", so Niebel, der seit sechs Jahren im Bundestag sitzt. Der erfahrene Journalist Elitz bemängelte, dass die Unterhaltungsfunktion der Medien immer stärker in den Mittelpunkt gerückt sei: "Der Skandal ist natürlich auch sehr unterhaltend." Nicht gerade einen Skandal, aber zumindest ein interessiertes Aufhorchen hatte der Politiker Niebel verursacht, als regelmäßig Beiträge von ihm in der Zeitschrift "Praline" erschienen. "Völlig angezogen", versicherte er, beantworte er dort Leserfragen zu Hartz IV. "Es ist genial, so ein Medium zu nutzen." Alles, was er an Sendezeit und Zeitungsspalten bekommen könne, nutze er auch, um seine politischen Forderungen unters Volk zu bringen. Ins Dschungelcamp würde er aber nicht gehen. Niebel sah sein Streben nach Medienpräsenz aber auch durchaus kritisch: "Wir Politiker leben davon, dass wir gesendet und gedruckt werden. Wenn man aber nur danach strebt, verflacht man." Und bekam dabei prompt Unterstützung vom Intendanten: "Standhaftigkeit ist für den Politiker, glaube ich, das wichtigste, wenn man in diesem Unterhaltungsgeschäft Bestand haben will." Gar kein Verständnis zeigte Elitz allerdings für solche Politiker, die oft nicht Manns genug seien, der BILD-Zeitung zu widerstehen. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Geschichte von „Florida-Rolf“, als „schwächliche Politiker“ dem Druck einer Boulevardzeitung nicht standhalten konnten und infolge dessen eine Gesetzgebungsmaschinerie in Gang setzten, die von der Sache her völlig überzogen sei.

Die Teilnehmer der Medienakademie am Eingang zum Truman Haus
Die Teilnehmer der Medienakademie am Eingang zum Truman Haus
"Für mich schließen sich Unterhaltung und Information nicht aus. Nichts ist schlimmer als Langeweile. Wir suchen spannende Gäste aus, deren Gespräche Unterhaltungs- und Informationswert haben. Es geht um politische Themen, mit denen sich Zuschauer sonst nicht beschäftigen würden." Mit diesen Sätzen beschrieb Wolfgang Klein, Redaktionsleiter von "Sabine Christiansen", sein Produkt. Die Qualitätsproblematik sah der erfahrene Fernsehmann nicht berührt: "Ich finde es erstaunlich und gut, dass sich seit sieben Jahren vier bis fünf Millionen Zuschauer im weitesten Sinne Politik reinziehen." Der Chefredakteur von N24, Peter Limbourg, sprang Klein zu Hilfe. Er empfinde diese Qualitätsdebatte als "völlig unsinnig". Ganz anders sah das der Frankfurter Medienberater und Journalist Ulrich Schneider. Journalisten sollten seiner Ansicht nach informieren und nicht unterhalten. In einer hitzigen Debatte führten die Kontrahenten nun das "Qualitätslehrfernsehen" der 70er Jahre, das oft wenig Zuschauer hatte, gegen Kästchen und Grafiken heutiger Printprodukte ins Feld. Für Henning Krumrey vom Focus sind 500 Zeilen, die keiner liest, "wertlos", Leserorientierung sei wichtig. Problematisch sei allerdings die permanente Öffentlichkeitsfixierung der Politiker, die dazu führe, dass Problemlösungen nach der schnellen Verkaufbarkeit erstellt würden. Das sähe man im Moment gut an der Diskussion in der Gesundheits- und Sozialpolitik. "Natürlich quatschen die Politiker zuviel", räumte schließlich auch Wolfgang Klein ein.

Zum Abschluss der Medienakademie kamen im Reichstag noch einmal zwei Politiker zu Wort: Die beiden medienpolitischen Sprecher Hans-Joachim Otto (FDP) und Grietje Bettin (Bündnis 90/Die Grünen) beklagten, dass oft nur "Sondernummern" wie Ströbele oder Kubicki eine Chance hätten, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Die Facharbeit, die im Bundestag geleistet würde, käme dagegen kaum vor. "Das Agenda-Setting findet in der Bild-Zeitung und im Spiegel statt und so ist auch Hartz IV gigantisch überhöht worden", stellte Otto fest. "In den Medien werden oft politische Scheinwelten inszeniert."

Nach zwei Tagen intensiven Diskussionen stand fest, dass die befragten Journalisten aus Print und Fernsehen für ihr eigenes Medium kein Qualitätsproblem sehen. Für die meisten ist die Leserorientierung das wichtigste Kriterium für ihre Produkte, das sich unter anderem in Verkaufszahlen und Einschaltquoten niederschlägt. Für Wolfgang Klein von "Sabine Christiansen" ist die Quote zwar "das ärgerliste Kriterium, das man haben kann", aber das einzige, was bei den elektronischen Medien zur Verfügung steht, da von der Quote auch die Wirtschaftlichkeit der Sender abhänge. Die Politiker sahen wenig Chancen, etwas zu verändern. "Wir sind voneinander abhängig, aber eigentlich wir mehr von den Journalisten. Die sitzen am längeren Hebel", meinte der FDP-Politiker Dirk Niebel.

Maria Christina Nimmerfroh, freie Journalistin
Michael Roick, Leiter Regionalprogramm
letzte Änderung: 12.09.2008


01.06.2012: "Vor 70 Jahren" - Deportation von 132 halleschen Juden in das Vernichtungslager ...

09.05.2012 bis 05.06.2012: Politik 2.0 - Kommunikaion mit Facebook, Twitter, Google+ & Co.

03.12.2012 bis 05.12.2012: Freiheit und Verantwortung - Philosophische Grundlagen

Schaufenster Stiftung
Blog des Liberalen Instituts

25.05.2012: Europäische Ordnungspolitik mehr...

24.05.2012: Kolumbien: Wenig Konsens auf dem VI. Amerika-Gipfel in Cartagena mehr...

24.05.2012: Sanfter Ausweg für Griechenland? mehr...

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit