THA: Ein Wochenende im Namen der Kunst

Theodor-Heuss-Akademie
Festtagsstimmung liegt über Gummersbach: Maibäume werden aufgestellt, auf den Straßen staut es sich, es ist schwierig ein Taxi zu bekommen – der Tanz in den Mai steht bevor. Trotzdem schaffen es Teilnehmer und Referenten sich pünktlich in der Theodor-Heuss-Akademie einzufinden, um sich ein ganzes Wochenende den Themen Kunst und Kultur zu widmen. Auf den ersten Blick schien das Thema an der THA ungewöhnlich, da sonst doch mehr politische und wirtschaftliche Themen den Schwerpunkt bilden. Doch zeigte es sich schnell, dass man Kunst und Kultur auch unter jenen Gesichtspunkten mit Gewinn betrachten kann.
Das Seminar wurde im Arbeitskreis Kultur der Stipendiaten von Carola Wanke, Margret Bertling und Markus v. Kiedrowski entwickelt und vorbereitet. Ziel war es das Themenfeld der bildenden Künste aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, um zu erörtern wie frei eigentlich die sogenannte „freie Kunst“ ist. Dazu wurden Referenten aus den unterschiedlichsten Bereichen eingeladen und schließlich eine Exkursion in die Praxis unternommen. Unter liberalen Gesichtspunkten wurde das Credo „Kultur von allen“ statt nur „Kunst für alle“ analysiert und diskutiert, sowie Rahmenbedingungen, die durch Wirtschaft und Politik gesetzt werden, hinterfragt.
Verena Borgmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin und kommissarische Leiterin der Kunstsammlungen Böttcherstraße in Bremen, führte zunächst kunsthistorisch in das Thema ein. Ausgehend von der Selbstinszenierung von Herrschern während der Renaissance wurde schnell deutlich, dass das sich Schmücken mit Statussymbolen wie Kunstwerken kein neues Phänomen ist. Das Unterstreichen von Image, Status und Bildung durch Kunst ist auch heute – nicht nur bei Politikern – beliebt. Weiter verdeutlichte Borgmann die Bedeutung des Mäzenatentums am Beispiel des Bremer Kaufmanns Ludwig Roselius und brachte die Betrachtungen damit auf die wirtschaftliche Ebene. Roselius verdankte den Erfolg seines Imperiums von Kaffee HAG neben geschicktem Marketing auch dem gezielten Einsatz von Kunst und Künstlerförderung und schaffte es so, seine Produkte auf höherem Niveau zu positionieren und deren Absatz zu steigern. Mit dem Film „Nordlichter – Kaffee, Kunst, Kommerz. Das Leben des Ludwig Roselius.“ über den gleichnamigen Mäzen schloss der erste Seminartag ab.
Auch am Samstagmorgen ging es in puncto „Kunst im Dienst der Wirtschaft“ weiter. Hier stellte Daniela Berglehn, Hauptreferentin der Kulturförderung der RWE AG, das aktuelle Engagement im Bereich Kultursponsoring und Kulturförderung vor. Da der Energiekonzern derzeitiger Hauptsponsor der Kulturhauptstadt, besser unter dem Namen RUHR.2010 bekannt, ist, gab es hier zahlreiche aktuelle Beispiele. In Kooperation mit RWE realisieren beispielsweise Kunsthochschulen oder einzelne Künstler gemeinsame Projekte. Dabei ist das Unternehmen selbst, beziehungsweise sein Thema Energie, oft Gegenstand der Arbeiten. Die künstlerische Freiheit soll durch derartige Zusammenarbeit aber weitestgehend gewahrt bleiben; doch die Absichten des Unternehmens sind natürlich nicht vollkommen uneigennützig. Sollen doch Image, die Identifikation der Mitarbeiter und ein regionales Heimatgefühl etc. gestärkt werden. Diskutiert wurde auch inwieweit solche privaten und öffentlichen Kooperationen prinzipiell für die Finanzierung des Kulturbetriebs geeignet sein könnten.
Im weiteren Verlauf gewährte Simone Klein, Head of Photographs Department beim traditionsreichen Auktionshaus Sotheby's, einen tiefen Einblick in die Mechanismen des Kunstmarktes. Höchstsummen, wie erst kürzlich für eine Skulptur des Bildhauers Giacometti erreicht, lassen den Laien doch staunen und sich fragen, ob bzw. wie dieses gerechtfertigt sein könnte. Kleins lebendige Beschreibungen der Auktionen verdeutlichten, dass es letztendlich spannende Zweierduelle auf internationalem Niveau sind, die für die Preisbildung mitverantwortlich sind.
Danach behandelte Rüdiger John, selbst als Künstler, Autor, Dozent und Berater tätig, das Thema aus der systemtheoretischen Perspektive. Im gesellschaftlichen Kontext, in welchem die Kultur ein gesellschaftlicher Reflexionsprozess ist, verdeutlichte er die Überschneidungen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Seine Gegenüberstellung des traditionellen mit dem zeitgenössischen Kunstbegriff betonte u.a. den Wandel in der Funktion von Repräsentation zu Reflexion; und so stand die Bestimmung „an Grenzen des Unbehagens zu stoßen“, „für Tabus zu sensibilisieren“ im Vordergrund. Daran anschließend wurde auch die Frage nach der ständigen Selbstrechtfertigung des künstlerischen Daseins oder jene des Bildungsauftrages der Kultur mit großer Intensität diskutiert.
Trotz des sich auf dem Höhepunkt befindlichen Wahlkampfes in Nordrhein-Westfahlen, stellte sich Angela Freimuth MdL, Vizepräsidentin des Landtags in NRW, stellv. Vorsitzende der FDP NRW und Kulturpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, für ein Impulsreferat zu „Grenzen und Sinn von Kulturförderung“ zur Verfügung. Auch sie betonte die Wichtigkeit von kultureller Förderung und Bildung, die schon in jungen Jahren einsetzen sollte. Beispielsweise mit der kulturellen Bildungsinitiative Jedem Kind ein Instrument möchte die FDP diesen Bereich stärken. Denn Kultur sei einem Grundnahrungsmittel vergleichbar; daneben wirke sie als Mittel zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die abschließende Podiumsdiskussion, an der auch die Referenten teilnahmen, rundete die Reihe der Vorträge ab. In ihr wurde der Innovationscharakter von Kunst wiederholt unterstrichen und auf die Notwendigkeit allgemeiner Teilhabe hingewiesen. Es bestand Konsens, dass dafür die Akzeptanz für Ausgaben im Feld von Kunst und Kultur erhöht, wobei die ‚Angst“ vor privaten Geldgebern abgebaut werden muss.
Anschließend zeigte der Film „Ernst Ludwig Kirchner. Zeichnen bis zur Raserei“ Leben und Werk des Hauptvertreters des deutschen Expressionismus und offenbarte exemplarisch wie auch die Umwelt Einfluss auf künstlerisches Schaffen haben kann.
Der Film leitete die Gruppe über in das Künstlergespräch des Sonntagmorgens. Henrique Lemes, brasilianischer Künstler, der schon seit vielen Jahren in der Hansestadt Bremen lebt und arbeitet, berichtete aus seiner Perspektive des Künstlers. Anschaulich verdeutlichte er seinen eigenen Werdegang und zeigte sogar seine eigenen Arbeiten – Holzschnittarbeiten in kräftigen Farben und verschiedenartigen Motiven – teilweise mit einem Augenzwinkern beobachtete Details des Lebens.
Schließlich ging es auf eine Exkursion nach Köln. Hier stand die junge Galeristin und Inhaberin der gleichnamigen Galerie, Eva Winkeler Rede und Antwort. In den Räumlichkeiten der Galerie empfing sie die Teilnehmer und berichtete über das Geschäft in der Galerie, den Kunstmarkt, Preisbildung, Messeteilnahmen und das Verhältnis zu Sammlern und Künstlern. Hier wurde wieder einmal deutlich, dass die Kunst durchaus auch ein Wirtschaftszweig ist und das Führen einer Galerie bedeutendes kaufmännisches Knowhow erfordert.
Das Wirkungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und den Anforderungen aus Wirtschaft und Gesellschaft sind mannigfaltig und nicht immer einfach zu benennen. So versuchte das Seminar einen Impuls zu setzen und aus den verschiedenen Perspektiven das Selbstverständnis derer zu diskutieren und zu erörtern, die sich mit Kunst auseinandersetzen – sie machen, kaufen, fördern.
Margret Bertling und Markus v. Kiedrowski
Stipendiaten





