Stiftungsseminar: Die Freiheit auf den Begriff bringen?
Eindrücke vom Stiftungsseminar in der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt

Moses-Mendelssohn-Akademie (Halberstadt) „Vielleicht besteht der Hauptwert der politischen, der ‚positiven‘ Rechte auf Beteiligung an der Regierung für die Liberalen darin, daß sich mit ihrer Hilfe schützen läßt, was sie, die Liberalen, für einen letzten Wert halten, nämlich die individuelle – ‚negative‘ – Freiheit.“*
In der politischen Theorie- und Ideengeschichte gibt es kaum eindeutige Begriffe. Bei den übrigen müssen wir uns mit Rekonstruktionen begnügen, die mehr oder weniger ausführlich mit Ambivalenzen umgehen. Dennoch fallen einige Termini fast gänzlich aus der Vorstellung heraus, weil sie in keinerlei Kategorie passen, offensichtlich über Jahrhunderte hinweg mehrdeutig bleiben oder theoretisch unkalkulierbar und das heißt in erster Linie undefinierbar sind.
Freiheit ist ein solcher Begriff. Die Uneindeutigkeit, mit der von ihr gesprochen wird, betrifft nicht nur die Auslegung des Freiheitsbegriffes in den verschiedenen politischen Theorien im Allgemeinen, sondern zeichnet sich bis in die liberale Tradition hinein ab. Unterschied John Locke noch in natürliche Freiheit und die „Freiheit des Menschen in der Gesellschaft“, ist für Friedrich Hayek Freiheit die Abwesenheit willkürlicher Einmischung ins eigene Handeln. Dass sich diese Einschätzung inhaltlich kaum vom Zitat über die Freiheit der Andersdenkenden aus Rosa Luxemburgs Buch „Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung“ unterscheidet, sorgt erstmal für Verwunderung.
Darauf, dass Freiheit ein kostbares Gut ist, konnten sich die Stipendiaten und Stipendiatinnen des Walther-Rathenau-Kollegs einigen, zu einer Definition konnten sie sich schon nicht mehr durchringen, woraufhin sie das taten, was sie im Studium gelernt hatten. Sie lasen nochmal nach: in Hannah Arendts Schilderungen über die griechische Polis in „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ und im berühmten Aufsatz von Isaiah Berlin „Zwei Freiheitsbegriffe“.
Das daraus resultierende Lektüreseminar, das von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ausgerichtet wurde und in der Moses-Mendelssohn-Akademie stattfand, beschäftigte sich mit dem liberalen Verständnis vom Freiheitsbegriff. Drei Tage diskutierten die Teilnehmer im Studienzimmer der ehemaligen Klaussynagoge in Halberstadt über bürgerliche Rechte, dann waren sie der Definition ein Stückchen näher. Freiheit, das sind individuelle Handlungsoptionen, Pluralismus, gegenseitige Wahrnehmung und sehr viel Diskussion, und dann gibt es da noch etwas, was nicht definierbar ist. Vielleicht klärt sich das auch beim nächsten Mal. Denn darauf, dass es ein weiteres Seminar geben soll, einigten sich alle.
Christian Dietrich
* Isaiah Berlin, Zwei Freiheitsbegriffe, in: ders., Freiheit. Vier Versuche, Frankfurt (Main) 2006, S. 197- 256, hier: S. 248





