Peter Sloterdijk: Freiheit als Synonym für Generösität

Allianz Stiftungsforum am Brandenburger Tor Die 5. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor stand unter der Überschrift "Stress und Freiheit". Im bis auf den letzten Platz besetzten Allianz-Stiftungsforum zog Peter Sloterdijk seine Zuhörer über eine Stunde lang in seinen Bann.

Peter Sloterdijk beim Vorgespräch mit Journalisten Sloterdijk forderte dem Publikum, wie es nicht anders zu erwarten war, volle Konzentration ab. Mit Erfolg – lediglich von Zwischenapplaus an der einen oder anderen Stelle unterbrochen, war es von der ersten bis zur letzten Minute ruhig, viele Zuhörer schlossen die Augen, um sich voll und ganz auf den Redner zu konzentrieren. Sloterdijk bot genau das, was Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit angekündigt hatte – ein "intellektuelles Vergnügen, das aber sicher auch mit Anstrengungen verbunden ist."

Begrüßung durch Katrin Burkhardt, Leiterin der Allianz SE Repräsentanz Berlin Zunächst forderte der Philosoph, Fernsehmoderator, Kulturwissenschaftler und Essayist sein Publikum zum Staunen auf und erinnerte an den altehrwürdigen "Gemeinplatz, dass Philosophie und Wissenschaft aus dem Staunen entsprungen seien." Obschon er seit nahezu fünfzig Jahren mit philosophischer und wissenschaftlicher Literatur umgehe und eine größere Zahl von Autoren diversen Feldern des Wissens kennengelernt habe, sei es als Leser oder in persönlicher Begegnung, sei ihm in all der Zeit, vielleicht bis auf eine Ausnahme, nie eine Person zu Gesicht gekommen, von der man im Ernst hätte behaupten dürfen, der Anfang ihrer geistigen Tätigkeit habe im Staunen gelegen. "Im Gegenteil, es scheint, die organisierte Wissenschaft und die zur Institution geronnene Philosophie haben die Form eines Feldzugs gegen die Verwunderung angenommen", so Sloterdijk.
Nation: ein tägliches Plebiszit über die Priorität der Sorgen
Er bat dann darum, sein Augenmerk staunend auf das Phänomen der Gesellschaften zu richten, denn "falls es etwas gibt, was einen bedingungslosen Anspruch auf das Staunen des Laien und auf die Verwunderung der Gelehrten erheben sollte, so ist es Existenz jener großen politischen Körper, die man früher die Völker nannte und heute aufgrund einer bedenklichen semantischen Konvention als 'Gesellschaften' bezeichnet."

Wolfgang Gerhardt Sloterdijk führte aus, die politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, seien in erster Linie als stress-integrierte Kraftfelder zu begreifen, genauer als selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme. "Diese haben Bestand nur in dem Maß, wie es ihnen gelingt, durch den Wechsel der Tages- und Jahresthemen hindurch ihren spezifischen Unruhe-Tonus zu halten." Deswegen seien die modernen Informationsmedien unentbehrlich. "Allein sie sind imstande, mit einem unaufhörlich strömenden Angebot an Irritationsthemen die auseinanderdriftenden Kollektive mit Gegenspannungen zu verklammern." Die Nation sei ein tägliches Plebiszit, doch nicht über die Verfassung, sondern über die Priorität der Sorgen.
Das Thema "Stress und Freiheit" versuchte Sloterdijk sodann dem Publikum an zwei Beispielen näherzubringen: der Lucretia-Revolte, mit der die Römer das Joch der etruskisch-tarquinischen Königsherrschaft abschüttelten und einer Szene aus Rousseaus "Fünften Spaziergang der Träumereien". Erstere war die "Geburt der republikanischen Freiheit aus der kollektiven Empörung". Zweitere die "Freiheit eines Träumers im Wachzustand", bei der das Subjekt der Freiheit "sich ausschließlich auf seine gespürte Existenz beruft, jenseits aller Leistungen und Verpflichtungen, auch jenseits möglicher Ansprüche auf Anerkennung durch Andere."
Die Erinnerungen an die beiden Urszenen europäischer Freiheitsgeschichte, die römische und die helvetische, machen – so Sloterdijk – deutlich, "auf welche Weise das menschliche Dasein, wie Angehörige westlicher Kulturen es erleben, sich stets, aktuell oder potentiell, mit zwei Gestalten von Unfreiheit auseinanderzusetzen hat. Die erste Form der Unfreiheit erfahren wir als politische Unterdrückung, die zweite als Bedrückung durch die Realität, die man zu recht oder unrecht die äußere nennt.





