Navigation

Zur Startseite

Inhalt

Gauck: „Das Fremdeln mit der Freiheit ist nicht typisch deutsch“

3. Berliner Rede zur Freiheit am Brandenburger Tor

Beifall von der FDP-Fraktion
Beifall von der FDP-Fraktion
Sicherlich gelte: „Nie haben die DDR-Bürger so traulich auf ihr Land geguckt, wie die Altersgenossen von jetzt, das ist wirklich grotesk.“ Aber, so setzte Gauck nach: „Wer das über zwei Generationen im Kopf und in der Seele hat und nicht nur zwölf Jahre, der soll mir mal vormachen, wie er auf Knopfdruck ein Citoyen wird. Das möchte ich mal sehen. Und das möchte ich auch von einigen der westdeutschen Beurteilern dieser Szenerie sehen.“

 

Gauck zeigte auf, dass hier noch ein weiter Weg zu gehen ist. „Es ist so, als ob wir in diesem Lande zwei politische Kulturen haben, in einem ist die Zivilgesellschaft seit 60, im anderen seit 20 Jahren zu Hause. Und Aufarbeitung wie ich sie beschrieben habe ist nun einmal ein Produkt der Zivilgesellschaft. Übergangsgesellschaften sind selten dazu in der Lage.“

 

Politisch instrumentalisierte Nostalgie

 

Publikum: An Freiheit interessiert
Publikum: An Freiheit interessiert
Dabei müsse man sich aber mit zwei verschiedenen Formen der Nostalgie auseinandersetzen: „Die politisch instrumentalisierte etwa – wir haben eine Partei, die das besonders tut. In dieser Partei Die Linke gibt es neben linken Demokraten linke Reaktionäre, die es besonders haben mit der Verschleierung und Bagatellisierung und Verniedlichung der Diktatur.“ Die andere Art von Nostalgie sei viel zählebiger, vor allem ganz unpolitisch – allerdings nicht ohne politische Auswirkungen: „Es ist jene Art von Erinnerung, die eben alles Unangenehme auslässt. Wir alle praktizieren Nostalgie, dort wo es um unser eigenes Leben geht. Das selektive Erinnern gehört zu unserer Ausstattung.“ Gefährlich werde es, wenn dies politisch instrumentalisiert werde.

 

Die Fragilität des Freiheitsbewusstseins der Deutschen, so Gauck, zeige sich gerade in der derzeitigen Finanzmarktkrise. Man erlebe derzeit „eine vor 20 Jahren nicht vorstellbare antikapitalistische Welle.“ Bei allem Verständnis über die Sorgen, Nöte und Ängste der Menschen sei es doch merkwürdig, wenn nun „gleich die Systemfrage“ gestellt werde, ohne „je eine Systemalternative gesehen zu haben. Und dann stehen da die Ideologen bereit.“ Allerdings werde man bei diesen politischen Ideologen nur Frustbeschleunigung finden und keine Lösungsansätze. Wer einen Systemwechsel propagiere, der solle doch eigentlich Alternativen an der Hand haben und nicht „nur vage Vorstellungen.“

 

Dumpfer Antikapitalismus der Angstsrategen

 

"...nicht vorstellbare antikapitalistische Welle."
"...nicht vorstellbare antikapitalistische Welle."
Gauck griff die derzeit gängigen Angststrategien und –strategen an, die ein Gefühl der Ohnmacht verbreiten und von „dunklen Wirtschaftsmächten die über allem herrschen“ reden. „Es mag ja Missbräuche geben, und die gibt es ganz offensichtlich in der Geldwirtschaft, aber in ein solches mittelalterliches Schicksalsdenken zu verfallen, das sich bedroht sieht von apokalyptischen Gewalten, das ist doch nun wirklich Entmächtigung in einem außerordentlich hohem Maße. Es ist das Zurückfallen des handelnden Bürgers in eine Schreckensstarre, die nur denen nützt, die nicht mit der Mitarbeit der vielen rechnen. Das wollen wir nicht“, erklärte Gauck unter großem Beifall.

 

Der Redner zur Freiheit gab sodann ein klares Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft ab: „Wer die Freiheit liebt, wird sich dahin bequemen müssen, Freiheit auch in den Wirtschaftsprozessen zu wollen. Aber wenn ich in einem dumpfen Antikapitalismus verweile, schwöre ich auf die Rezepte von vorgestern, die schon gestern nicht gewirkt haben. Und warum sollten sie das eigentlich morgen tun?“

 

Grenzen der Sozialpolitik

 

Wolfgang Gerhardt und Joachim Gauck
Wolfgang Gerhardt und Joachim Gauck
Auch Sozialpolitik habe in diesem Kontext ihre Grenzen, sagte Gauck. Wer politisches Handeln in einer freiheitlichen Gesellschaft in überwiegend sozialpolitisches Handeln umwandle, gefährde die freiheitlichen Grundlagen. Sozialpolitik gehöre zu unserer Lebenswelt, da nie alle stark genug seien, sich selbst zu helfen. „Aber wer immer nur fördern will und gefördert werden will, entmächtigt aus Versehen auch Menschen, denen zuzumuten ist, eigene Verantwortung zu übernehmen.“ Freiheitliche Politik habe aber Menschen zu ermächtigen, für sich selbst und die Gemeinschaft einzutreten.

 

Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls und der friedlichen Revolutionen in Osteuropa, erinnerte Gauck zum Schluss seiner Rede daran: Überall auf der Welt suchten die Unterdrückten die Länder der Freiheit und das System der Demokratie. Viele davon seien zwar von der Furcht vor der Freiheit eingeholt worden – „sie fremdeln in der offenen Gesellschaft.“ Fremdheit sei aber kein Gesetz für alle Zeiten. Wer sich einlasse und einmische werde vertrauter mit der offenen Gesellschaft. „Mancher empfindet dann als Gewinn, was er einst fürchtete.“ Freiheit habe ihm zwar kein Paradies geschaffen. Aber eine Bürgerexistenz, die Demokratie und die Herrschaft des Rechts „und die Gewissheit, Teil dieser bislang noch nie überbotenen Wirklichkeit zu sein.“

 

Boris Eichler

 

Zur Videodokumentation

 

Broschüre "Rede zur Freiheit von Joachim Gauck" mit allen Wortbeiträgen

 

Mehr zu den „Reden zur Freiheit“

 

Joachim Gauck beim Freiheitskongress der Stiftung (Januar 2009)

 

 

07.06.2012: Verantwortung für die Freiheit - Zum normativen Profil liberaler Politik

17.06.2012: Strategisches Planen Göttingen

18.06.2012: Strafjustiz und Medien. Ringvorlesung

Video: Internationale Politik
Blog des Liberalen Instituts

25.05.2012: Europäische Ordnungspolitik mehr...

24.05.2012: Kolumbien: Wenig Konsens auf dem VI. Amerika-Gipfel in Cartagena mehr...

24.05.2012: Sanfter Ausweg für Griechenland? mehr...

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit