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Politisch-kulturelles Wochenende: Brasilien

Rio de Janeiro
Rio de Janeiro
Brasilien, ein Land kontinentaler Ausmaße und von großer Vielfalt, lockte zahlreiche Interessierte in die Theodor-Heuss-Akademie zur Veranstaltung „Faszination Brasilien - Politisch- kulturelles Wochenende“. Vorträge von Experten und lebhafte Diskussionen boten den Teilnehmern die Gelegenheit ihr Wissen um das Land zu vertiefen und zahlreiche Vorurteile abzubauen.

Dr. Bruno Wilhelm Speck von der Universität UNICAMP, Campinas, Brasilien führte die Teilnehmer am Freitagabend in das Thema ein und diskutierte kontrovers die Frage, ob Brasiliens Demokratie stark gefährdet sei oder sich auf dem Konsolidierungsweg befindet. Der bis 2004 in Brasilien postierte deutsche Botschafter Dr. Uwe Kaestner, gab in seinem Vortrag „Brasiliens Rolle in der Weltpolitik“ einen Rückblick auf Brasiliens Rolle als Regionalmacht in Südamerika. Daneben schilderte er das neue Bestreben auf eine aktivere Außenpolitik, die sich im Anspruch auf einen ständigen Sitz im UN Sicherheitsrat dokumentiert.
Christian Gloger, Jurist und Politikwissenschaftler, Hamburg
Christian Gloger, Jurist und Politikwissenschaftler, Hamburg
Über die Deutschbrasilianischen Wirtschaftsbeziehungen und Entwicklungszusammenarbeit referierte Christian Gloger M.A., der zur Zeit als Rechtsreferendar bei der Europäischen Kommission in Brüssel tätig ist. Er zeigte anhand der Wirtschaftsstruktur, dass es sich bei Brasilien um ein Schwellenland handelt. Während die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland und Europa in der Vergangenheit besonders groß waren, scheint es sich jetzt auf neue Märkte zu konzentrieren.
In Vertretung von Monica Wolsky, Projektleiterin der Friedrich-Naumann-Stiftung in Brasilien, stellte Dr. Rüdiger Graichen die Auslandsarbeit der Stiftung und die Aktivitäten des Stiftungsbüros und die Stiftungspartner in Brasilien vor. Dr. Graichen veranschaulichte am Beispiel der Stiftungsarbeit mit politischen Nachwuchsorganisationen die Bedeutung einer frühzeitigen und kontinuierlichen Betreuung junger politisch engagierter Bürger für die Steigerung der Reformfähigkeit in der Politik.

Prof. Wolf Paul von der Universität Frankfurt führte in die politische und gesellschaftliche Kultur am Beispiel des "jeitinho brasileiro“ ein, der brasilianischen Variante der Gefälligkeitskultur, mit der scheinbar unüberwindliche bürokratische Probleme durch das Nutzen von Hintertüren doch noch gelöst werden.
Der Sozialwissenschaftler und Journalist Bernhard Stelzl gab in seinem Beitrag „Gewerkschaften und Arbeitsbeziehungen in Brasilien“ einen Rückblick auf den Aufbau des brasilianischen Gewerkschaftswesens, das seit den 30er Jahren durch staatliche Bevormundung gekennzeichnet war und sich seit über 20 Jahren in einer Umbruchphase befindet. Am Beispiel der brasilianischen Hausangestellten wurde in einem Milieubild der Unterschicht der Konflikt zwischen korrektem Verhalten und der Versuchung durch schnell und leicht verdientes Geld in die Kriminalität abzurutschen, geschildert.

Brasilianischer Kampftanz Capoeira
Brasilianischer Kampftanz Capoeira
Bernhard Stelzl und Frau Annika Wolf stellten den brasilianischen Kampftanz Capoeira vor und gaben, nach einer Erläuterung des Ursprungs und der derzeitigen Bedeutung dieses brasilianischen Kulturphänomens, eine lebhafte Vorführung.

Dr. Kurt Madlener, Max-Planck-Institut Freiburg
Dr. Kurt Madlener, Max-Planck-Institut Freiburg
Dr. Kurt Madlener vom Max-Planck-Institut in Freiburg verglich in seinem Vortrag „Justizreform und Menschenrechtsgarantie in Brasilien“ das brasilianische Rechtswesen mit dem deutschen und ging dabei besonders auf den Aufbau der Justiz und die Rechtspraxis in Brasilien ein. Er stellte heraus, dass das materielle Recht wenige Probleme aufweist, im Gegensatz zu den Defiziten im formellen Recht. Eines der größten Probleme in Brasilien ist die Dauer der Gerichtsverfahren, die über 5 bis 10 Jahre in Anspruch nehmen und somit Gesetzesbrecher über einen langen Zeitraum vor Strafen schützt. Ein Sachverhalt, der für viele Vergehen de facto die Straflosigkeit zur Folge hat.

Dr. Regine Schönenberg, GTZ und FU Berlin
Dr. Regine Schönenberg, GTZ und FU Berlin
In ihrem Beitrag „Entwicklungen und Probleme in Amazonien“ begann Dr. Regine Schönenberg von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit und der Freien Universität Berlin mit einem Rückblick auf die Erschließung des Amazonasgebietes. Im Anschluss ging Dr. Schönenberg auf die heutigen Herausforderungen ein, nachhaltige Nutzung und Naturschutz durchzusetzen gegenüber sich einschleichender Kriminalität, Korruption und Staatszerfall. Sie erläuterte die Konsequenzen dieses Problems am Beispiel einer kleinen Stadt in der Nähe der Landeshauptstadt Belem.

Am Ende der Veranstaltung reisten die Teilnehmer zum Teil mit einem neuen Brasilienbild nach Hause. Die Friedrich-Naumann-Stiftung setzt diese Veranstaltungsreihe fort und lädt Interessierte zur Teilnahme an der Veranstaltung „Politisch-Kulturelles Wochenende Israel - 40 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel“ ein. Termin: 29. April bis 1. Mai 2005.
letzte Änderung: 12.09.2008


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